2022, das Jahr der Widersprüche. Der LVQ-Jahresrückblick zu Arbeitsmarkt und Weiterbildung

15.12.2022, Lars Hahn

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Im Dezember ist die Zeit der Jahresrückblicke. Hier im LVQ-Blog schauen wir ja stets zurück, welche Entwicklungen und Bewegungen es in unseren Themenbereichen Arbeitswelt, Stellenmarkt und Weiterbildungen gegeben hat. Das Jahr 2022 hatte es auch diesbezüglich in sich!

Die zwei Corona-Jahre zuvor waren noch geprägt von Abstand und Stillstand. Der Arbeitsmarkt stagnierte und verharrte in Corona-Starre. Bezeichnend für die Arbeitswelt waren virtuelle Meetings und Terminabsagen von Präsenzevents, die zwar optimistisch geplant waren, aber dann doch wieder den Regeln zum Opfer fielen.

2022 hingegen war das Jahr der spannungsreichen Widersprüche und der überraschenden Wendungen. Ganz passend zum Motto „Kommt alles anders!“, das ich hier im Januar zum Jahresmotto erkoren hatte, überraschte nicht nur das frühzeitige Ausscheiden der Fußballnationalmannschaft bei der WM. Energiekrise, Preiskrise, Inflation und Krieg lösten schon vorab die Corona-Krise nahtlos ab und wirken sich mit großer Dynamik auf alle Lebensbereiche aus.  

Auch in der Arbeitswelt und am Arbeitsmarkt gab es erstaunliche Entwicklungen. In diesem Beitrag möchte ich den Blick zurück wenden auf das, was uns diesbezüglich im Jahr 2022 beschäftigt hat. Dabei lädt das Jahresende traditionell ein zum Innehalten, mit einem Rückblick Bilanz zu ziehen, was ich im Ausklang dieses Beitrags wage.

Kommt alles anders – das Jahr der Überraschungen und Widersprüche

Hätten Sie noch zu Jahresbeginn gedacht, dass Corona in unserem Arbeitsleben kaum noch eine Rolle spielen würde? Zwar bestimmte das Virus noch bis in die Jahresmitte dieses Jahres hinein unser Zusammenkommen und Miteinandersein, mittlerweile jedoch gehören persönliche Meetings, große Fachmessen, Dienstreisen und Weihnachtsfeiern wieder zum beruflichen Alltag. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass das Jahr 2022 bei unseren ThemenArbeitsmarkt, Arbeitswelt und Weiterbildung geprägt ist von Überraschungen und Widersprüchen, die es auszuhalten galt:

Widerspruch 1: Stellenmarkt – Fachkräftemangel und Krisenstimmung

Der Arbeitsmarkt reagiert erstaunlich auf die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Krisen. Die letzten Corona-Einschränkungen waren noch gar nicht aufgehoben, da entwickelte der coronabedingt träge Arbeitsmarkt eine enorme Dynamik – vorher dümpelnde Branchen wie Einzelhandel, Gastronomie Kultur- und Eventbranche entwickelten einen riesigen  Nachholbedarf bei der Einstellung von Arbeitskräften. Hinzu kam seit Jahresbeginn weltweit das Phänomen der „Great Resignation“, das heißt einer Kündigungswelle von Beschäftigten, die – oft wertegesteuert und sinnsuchend – eine neue, andere, bessere Arbeit suchten und das auch ausgerechnet in den ohnehin personalsuchenden Tech- und Gesundheitsbranchen. Der Arbeitsmarkt habe sich gewissermaßen von der wirtschaftlichen Lage entkoppelt.

„Fachkräftemangel“ is back, diesmal als Arbeitskräftemangel! Der Begriff ist zum Ende dieses Jahres eines der meist behandelten Themen in Unternehmerkreisen und Arbeitsmarktforen. Kein Wunder, denn die Post-Corona-Dynamik trifft auf demografischen Wandel. Gesucht werden längst nicht mehr nur qualifizierte Fachkräfte und Spezialistinnen im Ingenieurwesen, in der Pflege oder im Handwerk, sondern aktuell häufig auch Arbeitskräfte ohne Berufsausbildung.

Gleichzeitig ist Krisenstimmung am Arbeitsmarkt: Der große Warenhauskonzern hat mal wieder Insolvenz vermeldet und die stockenden Lieferketten in der Automobilindustrie veranlassen schon wieder zur Kurzarbeit. Mögliche Eintrübungen des Arbeitsmarktes durch Inflation und Energieengpässe sind noch gar nicht absehbar. Übrigens ist die aktuelle Arbeitslosenzahl um 117.000 Menschen höher als im Vorjahr, das zeigt: Bereits jetzt werden krisenbedingt wieder mehr Leute arbeitslos, trotz aller Einstellungsdynamiken.

 

 

Das Arbeitsmarktbarometer des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt diese Widersprüche am Arbeitsmarkt übrigens besonders deutlich – noch nie waren die Komponenten Arbeitslosigkeit (Prognose der Arbeitslosenzahlen) und Beschäftigung (Vorhersage der Beschäftigungsentwicklung) so weit auseinander. Kurzgesagt: Es wird demnächst weiter eingestellt, aber auch wieder mehr entlassen.

Mit „Blind Signing“ hat Karrierecoach Bernd Slaghuis in diesem spannungsreichen Zusammenhang von Dynamik und Krise am Arbeitsmarkt ein erstaunliches Phänomen bezeichnet: Blind Signing ist die zu schnelle oder unüberlegteUnterschrift eines Arbeitsvertrags. In unserem Beratungsalltag mit Arbeitgeber*innen und Bewerber*innen beobachten auch wir verstärkt Beendigungen von Arbeitsverträgen in der Probezeit aufgrund von überraschtem Nicht-Passen der Stelle bewerberseitig oder fehlender Passung der neuen Person arbeitgeberseitig. Die Arbeitsmarkt-Dynamik führt so zu manch vorschneller Entscheidung, deren Folgen über ein reines „es hat dann doch nicht gepasst“, hinausgeht.

Widerspruch 2: Arbeitswelt - Sehnsucht nach Nähe und digitaler Pragmatismus

Weihnachtsmarktbesuche und Geburtstagsfeiern funktionieren nicht digital, zumindest nicht so richtig von Herzen. Gleiches gilt aber auch häufig in der Berufswelt: Allenthalben ist aktuell wieder der Wunsch nach persönlichen Treffen und echten Zusammenkünften zu spüren. Wer hatte zwischenzeitlich nicht die Nase voll von all den Videokonferenzen und digitalen Meetings? Man begegnet sich wieder zum persönlichen Meeting, reist zur Fachmesse nach Nürnberg oder trifft sich zur regionalen Arbeitsmarktkonferenz vor Ort.

Und doch geht das Internet nicht wieder weg! Wer einmal erfolgreich die Vorteile des E-Commerce genutzt hat, bestellt seine Weihnachtsgeschenke und erst recht seine Büroartikel auch weiterhin per App. Wer die Zeit- und Wegersparnis bei virtuellen Konferenzen schätzen gelernt hat, greift auch weiterhin auf Zoom, Teams und Co. zurück. Homeoffice und mobiles Arbeiten haben sich nach einer aktuellen Umfrage des Ifo-Instituts auch nach Corona etabliert, in manchen Dienstleistungsbranchen wie IT oder Werbung liegt die Homeoffice-Quote demnach aktuell bei über 50 Prozent, wobei viele der Befragten „teilweise“ angeben: Hybrid ist das neue Zauberwort – ein ausgewogener Mix aus Online und Präsenz.

Widerspruch 3: Weiterbildungsstrategie trifft Realität

„Berufliche Weiterbildung ist wichtig“, diese Binsenweisheit hat sich inzwischen durchgesetzt. Sie ist wichtig, um den vier präsenten Ds zu begegnen: Demografischer Wandel, Dekarbonisierung, Digitalisierung und Deglobalisierung. Ganz gleich ob fachliche Spezialschulungen oder Managementthemen für Generalisten: berufliches Lernen ist en vogue.

Hehre Ziele haben sich Gesellschaft und Politik dazu gesetzt: Eine der fünf Säulen in der Fachkräftestrategie der Bundesregierung ist die „Gezielte Weiterbildung“. Überdies gibt es die Nationale Weiterbildungsstrategie, die von verschiedenen gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren vorangetrieben wird. Das Bundesarbeitsministerium ruft gar die „Weiterbildungsrepublik“ aus: „Unter anderem sollen die Zugänge zu Beratung, Förderung und Weiterbildungsangeboten erleichtert und die digitale Weiterbildung gestärkt werden.“

In der Praxis hingegen war das Jahr 2022 eher geprägt von Verunsicherung und Rückgang der Weiterbildungsbeteiligung: Vielen Jobcentern fehlten Mittel und Wege gerade für die Förderung beruflicher Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen. Arbeitsagenturen hatten bisweilen eher damit zu kämpfen, dass ihre Bewerberinnen und Bewerber aufgrund der dynamischen Situation am Arbeitsmarkt lieber den (bisweilen erstbesten) Job, anstatt einer beruflichen Weiterbildung wählten. Und so manches Unternehmen hätte sein Personal gerne intensiver qualifiziert, verzichtete allerdings aufgrund von Zeitmangel und Personalnot darauf.

Innehalten – Rückschau und Überprüfung

Ein Jahresrückblick bietet die Chance, noch einmal Bilanz zu ziehen, um zu überprüfen, was gut war und was noch besser werden kann. Gerade in der ruhigeren Phase „zwischen den Jahren“ ist dafür vielleicht endlich mal Zeit.

Der LVQ-Rückblick zum Jahresende fällt durchaus versöhnlich und positiv aus:

  • Die LVQ Business Akademie hat ihr vielfältiges Angebot von freien Seminaren, Lehrgängen und Inhouse-Schulungen für Firmen und Berufstätige in diesem Jahr erfolgreich ausbauen können. Dies geschah sowohl virtuell, als auch in Präsenz in unserem Bildungszentrum, was uns besonders freut.
  • Nahezu alle über den Bildungsgutschein geplanten Weiterbildungsangebote konnten wir nach (noch coronabedingt) etwas zögerlichem Start in der ersten Hälfte 2022 bis zum Jahresende dann tatsächlich auch durchführen.
  • So konnten wir 2022 sogar drei völlig neue Kursangebote über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit etablieren: E-Commerce-Manager/in (IHK), Kulturmanager/in (IHK) und Digital-Change-Manager/in (IHK).
  • Unser in Corona-Zeiten entwickeltes Angebot des Online-Präsenzunterrichts haben wir nun auch erfolgreich in die Post-Corona-Zeit überführt und kontinuierlich verbessert.
  • Insbesondere unsere Zusatzangebote zum Thema „Bewerbung und Jobsuche“für unsere Teilnehmenden „zwischen zwei Jobs“ haben wir 2022 noch ausgebaut. Neben dem „langen Donnerstag“, an dem wir wöchentlich Workshops und Vorträge durchführen, hat sich das neue Format „Langer Dienstag“ bewährt: Im Dialog mit Teilnehmenden stellen Arbeitgeber ihr Unternehmen und ihre Jobangebote vor.
  • Mit unseren vielfältigen Aktivitäten in den Weiterbildungsnetzwerken konnten wir uns gemeinsam mit unseren Partnern Gehör verschaffen für die Sache der beruflichen Weiterbildung. Im Rahmen der Kampagne #WeiterbildungRuhr22 waren wir unter dem Motto „Du kannst mehr“ auf Weiterbildungsmessen, Konferenzen und Tagungen unterwegs.
  • Insgesamt hat das Jahr 2022 unser kleines Team intensiv gefordert, was auch unter anderem dazu führte, dass wir online weniger präsent waren, als wir es uns wünschen und man es von uns auch gewohnt ist. Personell verstärkt im Bereich Online/Social-Media werden wir 2023 in diesem Bereich noch einmal kräftig nachlegen.

Unser Team der LVQ geht nun in die verdiente Weihnachtspause. Wir wünschen Ihnen besinnliche Feiertage und einen guten Jahresstart 2023!

Und jetzt Sie!

Wie sieht Ihre berufliche oder persönliche Jahresbilanz 2022 aus?

Was war gut?

Was kann noch besser werden?


Disclaimer: Seit kurzem machen Plattformen der Künstlichen Intelligenz wie Dall E oder ChatGPT Furore, die nach individuellem Wunsch überraschend toll ausgearbeitete Texte oder Grafiken und Bilder erstellen können. Sicherlich ist praktisch anwendbare KI einer der Trends des kommenden Jahres.

Natürlich haben wir uns gefragt, ob wir unsere Blogbeiträge zukünftig eigentlich noch selbst schreiben sollten, dieser ist vom echten Autor erstellt worden. Allerdings wirken entsprechende Texte letztendlich bisher dann doch seelenlos. Bei den Bildern haben wir es ausprobiert und sie sind besser, als das was wir so kreieren können. Wir haben einige von ihnen in der obigen Collage verarbeitet und gehen bei diesen davon aus, dass mit ihnen kein Urheberrecht verletzt wird.

 

 

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