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Felix Schnieders widerspricht dem gängigen Klischee „Ab 50 Jahren ist man zu alt für den Arbeitsmarkt“. Gleich zwei Mal schaffte er es nach mehrjähriger Selbstständigkeit eine Festanstellung zu bekommen. Passte es beim ersten Mal noch nicht so ganz, ist er nun beim zweiten Versuch, nach seiner Weiterbildung, an der richtigen Stelle angekommen – und dies in Zeiten von Corona.

Wie er dieses Kunststück vollbracht hat und warum er mit 59 Jahren sogar den Altersdurchschnitt bei seinem neuen Arbeitgeber runterzieht, erzählt er in diesem Interview, das wir über Zoom geführt haben.

Von der Selbstständigkeit ins Angestelltenverhältnis

Martin Salwiczek: Hallo Herr Schnieders, schön Sie wiederzusehen. Wie geht es Ihnen?

Dr. Felix Schnieders: Danke, mir geht es gut. Ich bin schon voll im neuen Job eingestiegen. Ich hoffe, bei der LVQ geht es auch allen gut.

Martin Salwiczek: Danke, wir sind wohl auf! Stellen Sie sich doch noch mal kurz unseren Lesern vor.

Dr. Felix Schnieders: Gerne. Ich bin promovierter Chemiker, 59 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Beruflich bin ich seit Jahren im Branchenumfeld Verpackung, Entsorgung und Energiebeschaffung tätig. Lange Zeit war ich selbständiger Unternehmensberater. Nun arbeite ich angestellt bei einem Startup das Konkurrent des dualen Systems Deutschland GmbH, bekannt unter dem Namen „der Grüne Punkt“, ist.

Martin Salwiczek: Wo viele erfahrene Berufstätige den Weg aus der Anstellung in die Selbstständigkeit suchen, gehen Sie genau den anderen Weg. Wie ist es dazu gekommen?

Dr. Felix Schnieders: Ich war acht Jahre selbstständig. Dann ergab sich durch mein Netzwerk die Möglichkeit als Senior Consultant bei einem Recycling-Unternehmen einzusteigen. Es lief allerdings nicht so wie geplant. Nach einem Jahr kam es aufgrund einer vorher nicht absehbaren Geschäftsaufgabe zur betriebsbedingten Kündigung. Ich überlegte, wie die nächsten Schritte aussehen sollen. Auch wenn die Selbstständigkeit zwischendurch mal wieder Thema war, behielt ich meine Branche im Blick und schrieb wieder Bewerbungen.

Mix an Bewerbungsmaßnahmen ist entscheidend - Initiativbewerbung wirkt

Martin Salwiczek: Wie waren Ihre Erfahrungen im Bewerbungsprozess?

Dr. Felix Schnieders: So wie viele andere habe ich Bewerbungen auf Stellenausschreibungen geschrieben, über 100. Ich hatte vier oder fünf Einladungen zu Vorstellungsgesprächen, aus denen jedoch nichts wurde. Mir war recht schnell klar, dass es nicht reicht, sich nur über einen Kanal zu bewerben. Also habe ich ebenfalls XING und LinkedIn genutzt, um passende Kontakte in meine Branche zu knüpfen. Ich habe auch gute Erfahrungen mit der Arbeitsagentur gemacht. Die Vorschläge, die mir gemacht wurden, waren sehr gewissenhaft ausgewählt. Entscheidend für den jetzigen Job war jedoch ein Beitrag in einem Fachmagazin über die Gründung eines Unternehmens in meiner Branche. Bei diesem Unternehmen habe ich mich initiativ beworben und bin dann zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden.

Martin Salwiczek: Das war natürlich ein super Timing mit der Initiativbewerbung. Es zeigt aber auch, dass man unterschiedliche Dinge bei der Jobsuche ausprobieren sollte…

Dr. Felix Schnieders: Man sieht ja, dass es nicht reicht, nur auf einen Kanal für Bewerbungen zurückzugreifen. Der Mix ist entscheidend. Auch der Besuch von Jobmessen oder Fachveranstaltungen kann helfen. Wichtig dabei ist, dranzubleiben und Geduld zu haben: Während meiner Weiterbildung sagte ein Teilnehmer, dass er eine Jobmesse besucht hat und nichts dabei herausgekommen wäre. Man kann aber nicht erwarten, dass es immer direkt funktioniert. Das gilt für alle Bewerbungsmaßnahmen. Der Fleißige wird sich am Ende durchsetzen.

Die Einstellung bei der Jobsuche entscheidet

Martin Salwiczek: Nun ist es ja nicht so einfach nach langer beruflicher Tätigkeit einen neuen Job zu finden, gerade wenn man die 50 überschritten hat. Welche Einstellung, außer „Dranbleiben“, ist Ihrer Meinung nach entscheidend?

Dr. Felix Schnieders: In der Arbeitslosigkeit sollte man die Gelegenheit nutzen und schauen, welche Faktoren einem beruflich wichtig sind. Ich habe es in Gesprächen mit anderen Weiterbildungsteilnehmern bei der LVQ erlebt, dass das Gehalt bei vielen noch der wichtigste Faktor ist. Vielen ist nicht bewusst, dass sie nicht mehr das Gleiche verdienen werden wie zuvor oder sie wollen sich mit dem Gedanken nicht anfreunden. Dabei sollte man jedoch auch die gesundheitliche Komponente berücksichtigen, ehrlich zu sich sein und sich überlegen, ob man noch dazu im Stande ist, in der Intensität zu arbeiten, die für das vorherige Gehalt angemessen war. Natürlich schlucken erst mal viele, wenn sie vielleicht die Hälfte des vorherigen Gehalts verdient. Andere Faktoren jedoch wie die Aufgaben, das Unternehmen, der Standort etc. spielen auch eine Rolle und gewinnen gegenüber dem Gehalt mit der Zeit vielleicht sogar an Bedeutung. Ich hatte noch letztens Kontakt mit einem ehemaligen Teilnehmer, der auch etwas älter ist und sein Augenmerk bei der Jobsuche eben auf andere Faktoren als das Gehalt gelegt hat, einen neuen Job angetreten hat und jetzt zufrieden ist.

Von der Weiterbildung profitiert

Martin Salwiczek: Sie sprechen die Weiterbildung bei der LVQ an. Wie kam es dazu und hat die Weiterbildung eine Rolle beim neuen Job gespielt?

Dr. Felix Schnieders: Dadurch dass ich nach der Selbstständigkeit ein Jahr beschäftigt war, wurde ich Kunde der Bundesagentur für Arbeit, die mir die Möglichkeit einer Weiterbildung über den Bildungsgutschein eröffnete. Bei der LVQ fand ich dann Weiterbildungen mit Zertifikats-Abschlüssen, die meine Branchenerfahrungen gut ergänzen. Daraufhin habe ich ein umfassendes Weiterbildungsprogramm in den Bereichen Umwelt- und Qualitätsmanagement sowie Arbeitssicherheit absolviert, zusätzlich Themen wie Projektmanagement und Online-Marketing erlernt. Einige Themen lagen mir nicht so wie anfangs gedacht, aber es waren auch überraschende Themen dabei. Online-Marketing fand ich beispielsweise sehr interessant. Da werde ich von profitieren, falls die Selbstständigkeit doch mal wieder ein Thema wird. Besonders hervorzuheben ist jedoch der Lehrgang zum Umweltmanagementbeauftragten: Dieser Abschluss hat im Vorstellungsgespräch erfreulicherweise eine gewichtige Rolle für meine neue Position gespielt.

Martin Salwiczek: Das ist schön zu hören. Wie geht es nun nach der Weiterbildung im neuen Job weiter? Wie lange wollen Sie noch arbeiten?

Dr. Felix Schnieders: Ich bin nun 59 Jahre alt. Der Geschäftsführer ist vier Monate älter. Einer der Gesellschafter, der mit im Einstellungsgespräch saß, ist noch älter und fragte mich: „Sie wissen schon, dass Sie unseren Altersschnitt runterziehen?“. Geht es danach, bleibe ich wohl länger. Ich kann mir selbst im Rentenalter nicht vorstellen, ruhig zu bleiben. Beratend kann ich immer tätig sein.

Martin Salwiczek: Herr Schnieders, vielen Dank für das tolle Gespräch!


 

 

 

 


 

 

Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Unsere Artikel werden verfasst von unserem Redaktionsteam bestehend aus Angela Borin, Lars Hahn und Martin Salwiczek.

Die LVQ Weiterbildung gGmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Präsenzunterricht mit Dozenten aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.

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