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Für Dr. Daniela Keinhörster, 31 Jahre alt, hat sich schon früh der Weg in die Biochemie abgezeichnet. Zunächst den Master in Biochemie und die Promotion in Mikrobiologie absolviert, ist sie seit August 2020 für ein Biotechnologieunternehmen im Einsatz. Warum sie sich gegen die Forschung und für die Industrie entschieden und wie sie diesen Sprung im Coronajahr gemeistert hat, bespricht sie mit uns im Telefoninterview.

Hallo Frau Dr. Keinhörster! Ich freue mich sehr, dass wir heute unser gemeinsames Interview führen und Sie Ihren beruflichen Einstieg in die Industrie mit uns beleuchten. Mögen Sie von sich erzählen?

Biochemikerin aus Leidenschaft

Dr. Daniela Keinhörster: Ich freue mich auch von meinem beruflichen Weg zu erzählen! Wie ich immer gerne sage, bin ich Biochemikerin bzw. Mikrobiologin aus Leidenschaft. Ich habe schon während der Schulzeit zu meinem Fachgebiet gefunden, so dass ich direkt nach dem Abitur mein Biochemie-Studium begonnen habe. Im Laufe meines englischsprachigen, praxisorientierten Masterstudiums habe ich das Thema Infektionskrankheiten für mich entdeckt und meine selbstorganisierten Laborpraktika genutzt, um mich mit verschiedenen Krankheitserregern – unter anderem mit Bakterien – zu beschäftigen. Darin habe ich auch promoviert.

Nach der Promotion hat mir eine Weiterbildung den Einstieg in die Industrie erleichtert. Seit August 2020 bin ich über eine externe Beschäftigung bei CSL Behring und seit dem 01.04.2021 in der Marburger R&D Sparte von CSL der CSL Behring Innovation GmbH  eingesetzt, einem führenden internationalen Biotechnologieunternehmen, welches eine breite Palette aus Plasma-gewonnenen und rekombinanten Therapien entwickelt und produziert.

Aller Anfang ist schwer

Das kann wirklich nicht jeder sagen, dass sich die Fachrichtung schon in der Schulzeit herauskristallisiert hat. Wussten Sie genauso früh, dass es Sie in die Industrie zieht?

Dr. Daniela Keinhörster: Da für mich lange nicht klar war, ob es in die akademische Forschung oder die Industrie geht, stand die Promotion immer außer Frage. Für die Karriere an der Uni benötigt man genau die. Während meiner Promotion habe ich aber gemerkt, dass mir die Auswertung der Ergebnisse mehr Spaß gemacht hat als der Weg dorthin und ich mich nicht mehr im Labor, sondern im Büro sehe. Da bietet die Industrie deutlich mehr Möglichkeiten. Was ich aber weiterhin tun wollte, war wissenschaftlich zu arbeiten und das aus dem Studium Gelernte anzuwenden.

In welchem Bereich ich am Ende anfangen würde, wusste ich nicht, da man an der Uni wenig Einblick in die Industrie und die Berufsbilder erhält und auch wenig Vorstellung hat, was sich hinter den diversen Jobtiteln verbirgt. Man muss selbst aktiv werden. Ich habe daher angefangen, mir die Stellenbeschreibungen genau anzugucken, um einen Eindruck zu bekommen, was mich erwarten würde, und versucht, mich in relevanten Bereichen weiterzubilden.

Von der Forschung in die Industrie

In der Bewerbungszeit habe ich dann gemerkt, dass man in Interviews immer gefragt wird, warum man denn nun in die Industrie will. Das muss man also auch gut argumentieren können und eine gewisse Frustrationstoleranz mitbringen. Es heißt oft: „Sie wissen ja gar nicht, was Good Manufacturing Practice, GMP, ist und wie es funktioniert.“ Meine Laborerfahrung ersetzt eben keine Praxiserfahrung in der Industrie. Dieses Unter-Stress-Setzen machte es mir anfangs wirklich schwer, weil ich ja wusste, dass ich den Wechsel nur theoretisch begründen konnte, da ich direkt von der Uni kam.

Stressfragen sind immer ein heikles Thema. Kam die Frage auch bei Ihrem jetzigen Arbeitgeber auf?

Weiterbildung und Authentizität als Schlüssel

Dr. Daniela Keinhörster: Ich muss tatsächlich sagen, das Gespräch mit der Unternehmensansprechpartnerin war total angenehm. Es war sofort so sympathisch und nicht dieses typische Stressfragen-Bewerbungsgespräch, sodass ich vielmehr ich selbst sein konnte. Ich glaube, das war der Schlüssel. Und da habe ich dann natürlich erzählt, dass ich gerade eine Weiterbildung zur GMP-Managerin mache und auch andere Weiterbildungen mitbringe. Das kam anscheinend gut an, dass ich mich weiterbilde, denn das Nachbohren – wie in den vorherigen Gesprächen – kam gar nicht.

Klingt nach einem willkommenheißenden Einstieg! Stehen Sie denn nun für CSL im Labor oder wie sehen Ihre Tätigkeiten aus?

Dr. Daniela Keinhörster: Ich unterstütze bei CSL als Scientist, arbeite jedoch nicht im Labor. Im Gegenteil: Es ist ein reiner Bürojob am PC. Während meines Einsatzes dort bin ich gemeinsam mit meiner Unternehmensansprechpartnerin Teil eines weltweiten Teams, welches Projekte im Bereich Pathogensicherheit – also Viren- und Prionensicherheit – der CSL Produkte bearbeitet. Das ist eine wichtige Schnittstelle zu diversen Bereichen, unter anderem zum Qualitätsmanagement, zur Produktion, zur Zulassungsabteilung und zur Validierung.

Hauptsächlich schreibe ich Risikobewertungen, zum Beispiel wenn Prozessänderungen geplant sind. Darüber hinaus unterstützen wir andere Abteilungen bei Fragen von Behörden oder sind gegebenenfalls auch bei Audits mit dabei. Der Aufgabenbereich umfasst alle wichtigen Säulen des Pharmaunternehmens, was total spannend ist. So erhalte ich einen super Einblick in die verschiedenen Bereiche. Das hilft, eine bessere Vorstellung zu entwickeln, was andere Funktionen im Unternehmen machen und unterstützt die Schnittstellenarbeit.

Wichtige Soft Skills für die Pharmabranche: Was die Uni mitgibt

Also eine sehr abwechslungsreiche und kommunikative Tätigkeit. Welche Fähigkeiten sollte man denn mitbringen?

Dr. Daniela Keinhörster: Neben den fachlichen Inhalten gibt es einige andere Kompetenzen, die wichtig sind und die man aus dem Studium mitnimmt. Beispielsweise habe ich dabei das selbstständige, wissenschaftliche Arbeiten erlernt, sodass ich mich mithilfe von Publikationen im Endeffekt in alles selber einlesen kann. Dazu kommen vor allem analytische Fähigkeiten: Die Interpretation von Ergebnissen, dass man die Fakten nimmt, wie sie kommen und diese dann richtig zusammensetzt, interpretiert und analysiert. Das ist eine der zentralen Fähigkeiten, die ich aus meinem Studium in meinem aktuellen Job einsetzen kann. Wichtig ist natürlich auch der naturwissenschaftliche Hintergrund und Methodenkenntnis, um die komplexen Sachverhalte verstehen zu können.

Da vieles plötzlich, gleichzeitig, dringend und oft „in Wellen“ kommt, gehört auch Organisationstalent und Priorisierungsfähigkeit sowie eine gewisse Flexibilität und Stressresistenz dazu. Manchmal ist es viel, dann ist es etwas ruhiger. Eine gute Kommunikation – mündlich, schriftlich, in Deutsch und in Englisch – helfen bei der Schnittstellenarbeit, genauso wie meine Fähigkeiten im wissenschaftlichen Schreiben.

Mit GMP-Weiterbildung den Fuß in die Industrie setzen

Sie sprachen die fachlichen Inhalte und eine Weiterbildung bereits an. Hat die Weiterbildung geholfen, Fuß in der Industrie zu fassen und sehen Sie Schnittstellen für Ihre Tätigkeit?

Dr. Daniela Keinhörster: Der GMP-Manager-Kurs hat mir einen wirklich schönen Überblick zum Aufbau und Ablauf in einem Pharmaunternehmen gegeben. Sehr hilfreich sind auch die vielen Abkürzungen und Worte – Change, CAPA, SOP –, die ich im GMP-Manager kennengelernt habe, aber auch die Einblicke in die verschiedenen Aufgabenbereiche. So weiß ich, was um mich herum im Pharmaunternehmen passiert. Das hilft mir in meiner Arbeit besonders, um die Risikobewertungen zu schreiben und die Abteilungen zu unterstützen. Die Inhalte der Weiterbildung finden sich also alle wieder. Das schätze ich am GMP-Manager.

„Um GMP kommt man als Bewerber in der Industrie nicht herum.“

Nach dem Studium direkt noch eine Weiterbildung: Wie kam das zustande?

Dr. Daniela Keinhörster: Nach meiner Promotion habe ich mir zur Belohnung eine Reise gegönnt und wollte nach der Rückkehr anfangen, mich zu bewerben. Jedoch bin ich mit Punktlandung, im März 2020, kurz vor den Coronaeinreisebeschränkungen, nach Deutschland zurückgekommen. Das hat die Jobsuche natürlich verlangsamt. Ich habe lange auf Rückmeldungen von Unternehmen gewartet.

Glücklicherweise hatte ich aber ein Gespräch mit meiner Arbeitsvermittlerin der Bundesarbeitsagentur und habe sie im ersten Gespräch einfach direkt nach einer Weiterbildung gefragt. Ich hatte von damaligen Studienkolleginnen mitbekommen, dass es hilfreich ist, GMP-Kenntnisse mitzubringen. Mir war also klar, dass ich um GMP nicht herumkomme und dass ich das für den Wechsel in die Industrie in jedem Fall brauche. Meine Arbeitsvermittlerin sah das genauso und sagte mir, ich solle mich informieren.

„Die Weiterbildung bei der LVQ hat mich beruflich vorangebracht.“

Das war aber Spitz auf Knopf und eine absolut glückliche Fügung! Wie lief die Weiterbildung dann für Sie?

Dr. Daniela Keinhörster: Eigentlich hatten wir für mich den Qualitätsbeauftragten, den GMP-Manager, den Projektmanager und den Qualitätsmanager geplant, doch statt des letzten Kurses hatte ich schon die Stelle. Ein großer Pluspunkt an der Weiterbildung war für mich der Online-Präsenzunterricht, der inhaltlich und technisch hervorragend umgesetzt wurde. Das war eine enorme Zeitersparnis. Es ist wohl eine Persönlichkeitsfrage, aber ich komme mit remote sehr gut zurecht, bin produktiv und konzentriert im Homeoffice.

Natürlich ist der Kontakt zu den anderen Teilnehmern zum Beispiel in den Pausen etwas schwieriger, aber ich hatte schon das Gefühl, dass die Vernetzung trotzdem gut klappte. Obwohl ich schon ein Dreivierteljahr die Weiterbildung abgeschlossen habe, bestätigen das persönliche Nachrichten und Geburtstagswünsche nach wie vor.

Am besten fand ich aber das Drumherum: die Tipps und Tricks für die Bewerbungsphase aus dem Kommunikationsteil des Qualitätsbeauftragten, die vielen Themen des langen Donnerstags – mit den Coachings zu XING und LinkedIn oder als Hilfestellung für Lebenslauf und Anschreiben. All das waren Dinge, die ich noch immer sehr an der LVQ schätze und die mich vorangebracht haben.

Auf einmal kamen die Anfragen: Sich finden lassen und mit anderen austauschen

Stimmt, den langen Donnerstag haben wir genau zu Ihrer Weiterbildungszeit etabliert. Haben Sie die Businessnetzwerke vorher denn nicht benutzt?

Dr. Daniela Keinhörster: So richtig erst seit der Weiterbildung, wo viele Tipps und Tricks dazu kamen, mir Feedback zu meinem XING-Profil gegeben wurde und ich kostenlos drei Monate die Premiummitgliedschaft nutzen konnte. Dadurch habe ich erst erfahren, was man alles mit seinem Profil machen und wie man es optimieren kann. Seither habe ich viele Recruiteranfragen erhalten. Künftig möchte ich die Profile aber zur Vernetzung nutzen, weil man vom gegenseitigen Geben und Nehmen profitieren und spannende Einblicke in verschiedene Werdegänge bekommen kann.

Da steckt eine ganze Menge Potenzial drin. Aber nochmal einen Schritt zurück: Sie haben die Weiterbildung ja vorzeitig beendet. Die Jobsuche war dann ja doch sehr schnell erfolgreich. Wie kam das?

Dank Weiterbildung und Zeitarbeitsfirma den Sprung in die Industrie geschafft

Dr. Daniela Keinhörster: Gerade durch das aus dem Drumherum Gelernten bei der LVQ wurden meine Vorstellungsgespräche von Mal zu Mal besser. Natürlich war ich anfangs nervös, also habe ich die ersten Gespräche – noch vor der Weiterbildung – als Übung gesehen, um zu wissen, welche Soft und Hard Skills für die Industrie wichtig sind, was für Fragen kommen und was einen erwartet.

Dann bin ich durch eine interessante Stelle auf eine Zeitarbeitsfirma gestoßen und hatte zugestimmt, dass sie mich auch für andere Stellen anrufen dürfen. Kurz darauf hatten sie mich wegen einer Stelle kontaktiert, auf die ich gut passen würde. Alles musste total schnell gehen und schon saß ich in zwei Audiointerviews mit den Ansprechpartnern von CSL und habe kurz darauf das Angebot für den Einsatz dort erhalten.

Dann habe ich die Teamleiterin vor Ort persönlich kennengelernt, meine Arbeitsmaterialien erhalten und bin nun seit Tag 4 im Homeoffice. Mit meiner CSL-Ansprechpartnerin stehe ich über Microsoft Teams im engen Austausch, da wir nur zu zweit sind. Das hat auch beim schnellen Einstieg in die alltäglichen Aufgaben geholfen. Dabei hatte ich nie das Gefühl, dass mir viel Hintergrundwissen gefehlt hätte.

Tipps für industrieinteressierte Naturwissenschaftler

Hört sich ganz danach an, als seien Sie angekommen! Mit Blick auf andere naturwissenschaftliche Absolventen: Gibt es etwas, was Sie anders machen oder empfehlen würden?

Dr. Daniela Keinhörster: Ich finde es hilfreich, während des Studiums schon über den Tellerrand zu gucken und weiterbildende Kurse, die im Rahmen der Uni angeboten werden, wahrzunehmen. Ich habe das gemacht, um Eindrücke von Berufsbildern zu gewinnen und herauszufinden, was mich interessiert, welche Stärken ich habe und welche Aufgabenarten dazu passen.

Gerade wenn man den Wechsel in die Industrie wagt: Nicht entmutigen lassen, die ersten Gespräche als Übung sehen und sich speziell im GMP-Bereich weiterbilden. Das hilft zu wissen, was einen sowohl im Berufsalltag der Industrie als auch im Vorstellungsgespräch erwartet. Zudem kommt es bei Recruitern und in der Bewerbung gut an, wenn man ein Zertifikat und Wissen vorweisen kann.

Außerdem muss keiner das alleine machen, diesen Bewerbungsprozess. Man kann sich Unterstützung bei Freunden und bei Bildungsträgern wie der LVQ und damit auch Feedback zu den eigenen Bewerbungsunterlagen holen. Das hat mir sehr geholfen.

Sehr tolle Anregungen und spannende Eindrücke! Wirklich schön, dass Ihr Sprung in die Industrie so toll geklappt hat. Danke, dass Sie uns daran teilhaben lassen und auch für Ihre Zeit, Frau Dr. Keinhörster. Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre weitere berufliche Zukunft!


 


 

 

 

 

 

Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Unsere Artikel werden verfasst von unserem Redaktionsteam bestehend aus Angela Borin, Lars Hahn und Martin Salwiczek.

Die LVQ Weiterbildung gGmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Präsenzunterricht mit Dozenten aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.

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Foto Angela Borin

Autor

Angela Borin

ist Mitarbeiterin in der Online-Kommunikation und im Online-Marketing bei der LVQ. Als Berufseinsteigerin schreibt sie insbesondere über Berufsorientierung und Jobsuche.