Netzwerke(n) für Naturwissenschaftler und Naturwissenschaftlerinnen: die btS Life Sciences Studierendeninitiative

15.10.2021, Martin Salwiczek

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Die btS Life Sciences Studierendeninitiative versteht sich seit vielen Jahren als Brücke zwischen Uni und Berufsleben für Studierende der Life Sciences. Mit der Karrieremesse ScieCon bringt sie Studierende und Unternehmen zusammen. Johann Liebeton ist seit 2018 Mitglied der btS und arbeitet mit viel Herzblut ehrenamtlich an mehreren Projekten, die Studierenden der Life Sciences den Berufseinstieg erleichtern sollen. Im Interview sprechen wir über den Nutzen der btS sowohl für Studierende als auch für Absolvent:innen und Berufstätige sowie über den Arbeitsmarkt für Naturwissenschaftler:innen. 

Die btS: Studierendenhilfe mit Herzblut und Engagement

Martin Salwiczek: Hallo Johann, schön, dass Du Zeit für das Interview gefunden hast. Seit einigen Jahren verfolgen wir mit Begeisterung, mit wie viel Herzblut und Engagement Ihr bei der btS arbeitet. Beschreib doch bitte in kurzen Worten, wer die btS ist und welchen Zweck ihr verfolgt.

Johann Liebeton: Sehr gerne. Die btS ist eine gemeinnützige, unabhängige und politisch neutrale Studierendeninitiative der Life Sciences mit über 1000 Mitgliedern. Laut Satzung machen wir Studierendenhilfe. Wir unterstützen Studierende der Life Sciences dabei, sich persönlich weiterzuentwickeln und den Berufseinstieg zu meistern. Dabei halten wir es für wichtig, die Lücke zwischen Hochschulen und Industrie zu verringern. Wir versuchen deshalb, die Studierenden zum Netzwerken mit Unternehmen zu animieren und sich durch Weiterbildungen persönlich weiterzuentwickeln. Dazu bieten wir z. B. Softskill-Workshops zum Netzwerken mit LinkedIn oder Hardskill-Workshops zum Programmieren an. Unsere wichtigsten Standbeine sind die lokalen Geschäftsstellen an den Universitäten, die Firmenkontaktmesse ScieCon, das btS-Stellenportal und die Matchingplattform ScieMatch.

Durch Ehrenamt die berufliche Passion entdeckt

Martin Salwiczek: Zu den Standbeinen kommen wir gleich. Aber erzähl doch erst mal, wie Du zur btS gekommen bist und was Deine Aufgaben dort sind.

Johann Liebeton: Mein Studium der Biologie und Biotechnologie hat mich nur zu 70-80% glücklich gemacht. Also probierte ich es mit ehrenamtlichen Tätigkeiten und industriellen Praktika. Ich mag es zu netzwerken und so kam ich 2018 zur btS. Dort bin ich der Geschäftsstelle Frankfurt zugeordnet, und habe zum Beispiel ein Symposium zum Mikrobiom organisiert. Momentan bin ich die Projektleitung für ScieMatch – gemeinsam mit Patricia König.

Martin Salwiczek: Wie hat sich Dein Ehrenamt auf Dein Studium ausgewirkt?

Johann Liebeton: Unter anderem durch die Arbeit bei der btS merkte ich schnell, dass mich der nicht-wissenschaftliche Teil der Life-Sciences-Branche interessiert. Nun studiere ich in Kopenhagen Business Administration und Bioentrepreneurship. Damit bringe ich zwei Welten – den Wissenschaftler und den Business Developer –  zusammen.

Karrieremesse ScieCon: Wo sich Studierende und Unternehmen treffen

Martin Salwiczek: Mit der ScieCon habt ihr ja eine große Karrieremesse auf die Beine gestellt, bei der Studierende und Berufseinsteiger:innen in Kontakt mit potenziellen Arbeitgebern kommen. Für diejenigen, die die ScieCon noch nicht kennen, magst Du was über die Veranstaltung erzählen? Welchen Nutzen bringt der Besuch Studierenden und Absolvent:innen?

Johann Liebeton: Mittlerweile haben wir über 30 Karrieremessen organisiert, die in der Regel vor Ort stattfinden, zuletzt auch digital. Wir verfolgen damit die beiden benannten Ziele: Vernetzung mit Unternehmen und Hilfestellung geben für den Bewerbungsprozess durch entsprechende Vorträge und Workshops. Bei der Auswahl der Unternehmen ist uns eine lokale Gebundenheit wichtig. In München zum Beispiel sind andere Firmen vertreten als in Berlin oder in Bochum. Natürlich sind da auch mal DAX-Konzerne dabei, aber vor allem lokale mittelständische Unternehmen oder Startups. Pro Veranstaltung stellen sich so 20-30 Firmen vor.

Was den Nutzen angeht: Viele ausstellende Unternehmen suchen auch aktiv nach Mitarbeiter:innen, was natürlich für die Besucher:innen interessant ist, die kurz vor Abschluss des Studiums stehen oder dieses gerade absolviert haben. Viele von ihnen stellen für sich fest, dass sie nicht in der Wissenschaft bleiben möchten. Im Hochschulumfeld erfahren sie allerdings nur sehr wenig über die möglichen Berufsbilder in der Wirtschaft. Auf einer ScieCon-Messe erfahren die Besucher:innen hingegen einiges über ihre Möglichkeiten.

Wir haben zudem in den letzten Monaten und Jahren die Beobachtung gemacht, dass die Besucher:innen unserer Karrieremesse jedes Mal überrascht sind, wie viele Unternehmen es eigentlich im Life-Science-Bereich gibt. Unser Ziel ist es natürlich die Studierenden auf viele Hidden Champions aufmerksam zu machen.

Netzwerken für den Berufseinstieg

Martin Salwiczek: Wie bringt Ihr die Studierenden darüber hinaus mit Unternehmen zusammen?

Johann Liebeton: Zum einen durch Firmenexkursionen, damit sich die Studierenden vor Ort einen Eindruck machen können. Zum anderen durch Events mit Alumni der btS, wo sie lernen welche Jobs es in der Industrie gibt und ob sie promovieren sollten oder nicht.

Martin Salwiczek: Dafür muss man Mitglied in der btS sein?

Johann Liebeton: Das sind Angebote, die allen Naturwissenschaftler:innen offenstehen. Mitglieder der btS profitieren zusätzlich vom großen, deutschlandweiten Netzwerk. Sie sammeln erste Projektmanagementerfahrungen, zum Beispiel durch die Mitorganisation von Großevents mit bis zu 1000 Besuchern pro Tag. Da kommen eine Menge Skills zusammen, die ihnen im Bewerbungsprozess zu Gute kommen. Zudem haben wir btS-interne Veranstaltungen, zum Beispiel ein Mentoring-Programm, das den Mitgliedern den Einstieg ins Berufsleben erleichtern soll.

Martin Salwiczek: Können auch Nicht-Studierende Mitglied werden?

Johann Liebeton: Man kann eine außerordentliche Mitgliedschaft abschließen, die aktuell 60 Euro im Jahr kostet. Somit kann man die btS finanziell aber auch ideell unterstützen. So fragen wir Alumni zum Beispiel für Speeddatings an, bei denen sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen an Studierende weitergeben können.  Es gibt auch einen Alumni-Verein, der Stammtische für unterschiedliche Themen hat. Hier stehen der fachliche Austausch und der Netzwerkgedanke im Vordergrund.

ScieMatch: Wenn der Algorithmus das Matching übernimmt

Martin Salwiczek: Dein Lieblingsprojekt ist die Matchingplattform ScieMatch. Was macht ScieMatch?

Johann Liebeton: Es ist eine Unternehmensmatchingplattform, die Studierende bei der Suche nach dem passenden Arbeitgeber inspirieren soll. Dafür beantworten die Nutzer 38 Fragen zu „harten“ Faktoren wie Wohnort, Branche, etc. und zu „weichen“ Faktoren wie persönliche Werte oder Work-Life- -Balance. Der Algorithmus schlägt dann, basierend auf den Antworten, passende Unternehmen vor, mit denen die Nutzer:innen direkt Kontakt aufnehmen können. Umgekehrt können die Unternehmen Kontakt mit den Kandidat:innen aufnehmen, wobei die Daten der Nutzer:innen im ersten Schritt anonym sind und erst dann übermittelt werden, wenn die Kandidat:innen sie freigeben.
Da wir erst vor Kurzem die Plattform gelauncht haben, sind es aktuell noch 15 Unternehmen, aber es werden mehr.

Berufsorientierung sollte bereits während des Studiums stattfinden

Martin Salwiczek: Das ist ein spannendes Konzept, was mit Sicherheit einen Beitrag zur Orientierung vieler Studierender schafft. Was sind denn aus Euren Erfahrungen Bereiche der Life-Science-Branche, die aktuell besonders gefragt sind?  

Johann Liebeton: Da die Life-Science-Branche so vielfältig ist, ist es schwer das allgemein zu beantworten. Die beruflichen Möglichkeiten sind vielfältig und mit ScieMatch wollen wir auch keine Fachexperten vermitteln, sondern Talente und Persönlichkeiten. Grundsätzlich sehen wir, dass der Life-Science-Bereich aktuell sehr gut funktioniert, gerade die Pharmabranche, aber auch alles was mit Biotechnologie zu tun hat.

Was sich beobachten lässt: Absolvent:innen, die sich während des Studiums gar nicht oder wenig mit den möglichen Branchen auseinandergesetzt haben und denen es an Wissen über die Branchen fehlt, haben größere Startschwierigkeiten. Da versuchen wir als Verein zu unterstützen. Aktuell führen wir Interviews mit Promovierenden in der Industrie durch und da sehen wir, dass eine frühzeitige Beschäftigung mit der Industrie, durch Praktika oder durch die Masterarbeit, den Berufseinstieg doch deutlich erleichtern. Unabhängig von Promovierenden sind erste wirtschaftsbezogene Erfahrungen, Weiterbildungen oder ehrenamtliche Tätigkeiten ein riesen Pluspunkt im Bewerbungsprozess. Dann öffnen sich auch Türen in unterschiedlichste Richtungen.

Weiterbildungen können ein Ersatz für die Promotion sein

Martin Salwiczek: Du sprichst die Bedeutung von Weiterbildungen an…

Johann Liebeton: In einigen Berufsfeldern ist es sehr schwierig ohne Weiterbildung eine Stelle zu bekommen. Daher lohnt es sich, bereits während des Studiums Weiterbildungen zu absolvieren. Nach dem Studium bietet sich die Weiterbildung bei Bildungsträgern an. Eine Weiterbildung kann sogar eine Alternative zur Promotion sein. Ich kenne Absolvent:innen, die haben nach dem Bachelor aufgehört zu studieren und sich dann weitergebildet und haben durch die Weiterbildung einen Job bekommen. Das setzt natürlich voraus, dass man sich frühzeitig Gedanken über seine Ausrichtung macht, was zum einem in der Industrie gefordert wird, aber viel wichtiger, was einem selber Spaß macht.

Martin Salwiczek: Gerade das ist ja nicht so einfach, herauszufinden was einem Spaß macht außerhalb des Akademischen. Was hilft da aus Deiner Sicht?

Johann Liebeton: Eine Sache, die ich für sehr hilfreich halte, ist, sich einen Mentor zu suchen. Mit einem Mentor lässt sich gut herausfinden, welche Weiterbildung für den eigenen Berufsweg spannend ist. Durch ein Industriepraktikum zeigt sich was andere können, was man selbst noch nicht drauf hat. Daraus lässt sich gut ableiten in welche Richtung es beruflich gehen soll, wenn man noch in Betracht zieht, ob man bei der Tätigkeit Spaß hätte.

Welche Weiterbildungen in der Industrie gefragt sind

Martin Salwiczek: Du bist ja viel in Kontakt mit Unternehmen. Welche Weiterbildungsthemen sind häufig gefragt?

Johann Liebeton: Grundsätzlich ist es so, dass Industrieunternehmen ja nach einem ökonomischen Prinzip funktionieren. Und da gibt es einige Themen, die allgemein hilfreich sind. Wie funktioniert ein Unternehmen? Wie werden Projekte erfolgreich durchgeführt? Jetzt muss man kein Master in agilen Methoden sein, aber es ist hilfreich, einige Methoden und Tools zu kennen. Ich hatte Kontakt mit einigen Unternehmen, bei denen agile Methoden deutlich an Bedeutung gewonnen haben. Wenn ich meine Gespräche mit den Alumni der btS rekapituliere, sind das jetzt vielleicht nicht immer die Themen, die in Stellenausschreibungen gefordert werden, aber es sind Themen, die den Einstieg in den Beruf erheblich erleichtern.

Dann gibt es noch typische Weiterbildungen, die wiederum in Stellenausschreibungen gefordert werden, wie Eure GMP- oder Qualitätsmanagement-Kurse oder auch Weiterbildungen von denen ich vorher noch nicht gehört habe, wie der Klinische Monitor.

Martin Salwiczek: Das sind schon viele wertvolle Impulse für die Berufsorientierung. Hast Du abschließend noch eine Empfehlung, was Naturwissenschaftler*innen während der Jobsuche tun können? Was würdest Du tun, wenn Du auf Jobsuche wärst?

Johann Liebeton: Auf der einen Seite würde ich das Gespräch mit meinen Mentor:innen und Kontakten suchen, um einen kleinen Fahrplan für die nächste Zeit auszuarbeiten und auszuloten, ob mir jemand in meiner Situation ad hoc helfen kann. Ein direkter Tipp wäre also, sich einen Mentor:in zu suchen. Auf der anderen Seite bin ich ein großer Fan des unbekümmerten Bewerbens. Ich würde also die einschlägigen Plattformen wie ScieMatch, btS Stellenportal etc. besuchen und einige Bewerbungen fertigmachen. Unter unbekümmertem Bewerben verstehe ich dabei, nicht zu zögerlich mit Bewerbungen umzugehen. Während des Bewerbungsverfahrens kann man meistens gut feststellen, ob das Unternehmen und das Jobprofil zu einem passen oder nicht. Dafür darf man auch gerne mal die eigene Komfortzone etwas verlassen. In der Schule habe ich das französische Sprichwort „Le prix s'oublie, la qualité reste.“ aufgeschnappt,. Dieses heißt so viel wie „Der Aufwand wird vergessen, die Qualität bleibt“. Diesen Gedanken führe ich mir gerne bei einer Absage vor Augen: Bewerbungsphasen sind anstrengend, aber auch endlich und man hat einiges zu gewinnen.

Martin Salwiczek: Johann, vielen Dank für das Interview!

Johann Liebeton: Ich danke auch!


 

 

 

 


 

 

Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Unsere Artikel werden verfasst von unserem Redaktionsteam bestehend aus Angela Borin, Lars Hahn und Martin Salwiczek.

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Autor

Martin Salwiczek

hat als Berater, Trainer und Experte für Jobsuche und Bewerbung einen engen Draht zu den Teilnehmern der LVQ. Daraus zieht er Ideen für seine Beiträge und findet immer wieder interessante Interviewpartner.