
Anmerkung der Redaktion: Dieser von Lars Hahn am 26.10.2017 veröffentlichte Blogbeitrag wurde zuletzt am 26.09.2025 aktualisiert.
In seiner Kolumne schreibt Lars regelmäßig über Themen wie Digitalisierung, Arbeitswelt und Netzwerken. Heute skizziert er den Ansatz von „Systematisch Kaffeetrinken“ und schreibt über die Vorzüge des beruflichen Netzwerkens gegenüber herkömmlichen Bewerbungsverfahren.
Hast du auch schon von „Systematisch Kaffeetrinken“ gehört?
Ja? Das freut mich! Schließlich halte ich seit Langem regelmäßig Vorträge darüber und ermutige Menschen, es doch intensiver mit dem beruflichen Netzwerken zu versuchen.
Möglicherweise geht es dir aber auch so wie Niklas. Vor meinem Vortrag begrüßte er mich skeptisch mit den Worten „Ich bin kein Typ fürs Klüngeln, ein Netzwerk habe ich auch nicht und Kaffeetrinken möchte mit mir auch keiner.“
Überhaupt sei das Schreiben von Bewerbungen ohnehin seriöser. Das systematische Beantworten offener Stellenausschreibungen. Nur so geht Bewerbung. So haben wir's gelernt und so handhaben es auch die Karriereberater, Bewerberportale, Bewerbungsratgeber, die Agentur für Arbeit und – landauf, landab – die Bewerbungstrainer in ihren Trainings. Ist auch nicht ganz falsch ... aber eben auch nicht ganz richtig.
Mittlerweile bekannt sein: Der offene Stellenmarkt (Stellenanzeigen, Ausschreibungen, Jobbörsen) bildet nur einen Bruchteil der zu besetzenden Stellen ab. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (kurz: IAB) zeigte in seiner sehr umfassenden Stellenerhebung von 2017, dass nur 31 Prozent der Stellen über Jobbörsen und Printanzeigen besetzt werden.
EDIT: Ich bin darauf hingewiesen worden, dass die eigenen Karriere-Webseiten von Unternehmen ebenfalls öffentlich zugänglich seien, und die machten in der Besetzungsliste der IAB-Erhebung weitere elf Prozent aus. Wenn wir diese Webseiten dem offenen Stellenmarkt zuschreiben, kommen wir dennoch nur auf rund 40 Prozent oder ein gutes Drittel.
Das Problem: Gefühlt 95 Prozent aller Bewerber*innen tummeln sich ausschließlich in diesem offenen Drittel des Stellenmarkts. Und schreiben 50+ Bewerbungen auf Stellenanzeigen, die mehr oder weniger passen. Sie fragen sich verwundert, wo denn der viel zitierte Fachkräftemangel zu spüren sei, lassen Vorstellungsgespräche über sich ergehen, die bisweilen bis ins Würdelose tendieren, sind frustriert, genervt, desillusioniert. Und machen dennoch weiter mit ihren Bewerbungen.
Stellenbesetzung über Empfehlung eines Kontaktes
Wenn sie dann gefragt werden, wie sie den neuen Job ergattert haben, antworten viele so etwas wie:
„Och, das war totaler Zufall. Nachdem ich zig Bewerbungen geschrieben hatte, traf ich eines Tages beim Flanieren eine ehemalige Kommilitonin, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Wir tranken spontan einen Kaffee zusammen. Sie klagte über zu viel Arbeit und dass sie Unterstützung in der Firma bräuchte ... zwei Tage später saß ich bei ihrem Chef und eine Woche später durfte ich bereits starten.
Tolle Firma, netter Job. Und das, obwohl ich gar nicht genau auf die Stelle passte (die im Übrigen noch gar nicht ausgeschrieben war).“
Ich verrate dir etwas: Das war gar kein Zufall!
Denn so läuft Stellenbesetzung im verdeckten Stellenmarkt häufig: auf Empfehlung eines Kontaktes. 47 Prozent der Stellen in kleinen Betrieben werden laut IAB-Studie so besetzt!
Wir machen das in der LVQ auch so: Wir fragen systematisch unsere Mitarbeiter*innen, wer ihnen für die zu besetzende Stelle einfällt, und ermutigen sie, beispielsweise ihre LinkedIn-Kontakte durchzugehen.
Systematisch Netzwerken
Wie cool wäre es, wenn du schon längst systematisch in den (LinkedIn-)Kontakten deiner potenziellen Kolleg*innen drin wärst?
Genau da liegt die Chance: Bewerber*innen können im verdeckten Stellenmarkt aktiv mitmischen. Dazu muss man gar kein Power-Netzwerker sein. Es reicht aus, vorhandene Kontakte zu reaktivieren, zu pflegen und neue Kontakte zu finden, die zum Jobwunsch passen.
Jemanden während der Jobsuche kontaktieren, das tun viele Bewerber*innen, meistens allerdings nicht systematisch. Aber genau da liegt meine Betonung beim Systematisch Kaffeetrinken. Ich suche systematisch nach Kontakten und pflege sie systematisch.
Es geht bei diesem Ansatz um die „Systematisierung der Pflege informeller Kontakte“. Das geht natürlich auch ganz ohne Kaffee – nur: Systematisch Kaffeetrinken klingt einfach besser.
Genau darüber schreibe und spreche ich seit Langem in Beratungsgesprächen, Vorträgen und Konferenzen: "Systematisch Kaffeetrinken" oder wie ich systematisch vorhandene berufliche Kontakte pflege und neue Kontakte hinzugewinne, selbst wenn ich mich bisher nicht für einen beruflichen Netzwerker gehalten habe.
Big Data für Jobsuchende
Das Tolle ist, dass dies heutzutage ungleich einfacher ist, als es 1997 war. Im Internet kann ich viele Bekannte, Schulfreunde, ehemalige Mitarbeiter*innen und Vorgesetzte wiederfinden. Sogar die Menschen, mit denen ich vor 20 Jahren Abitur gemacht habe.
Das geht per Google, aber natürlich noch viel besser über Businessnetzwerke LinkedIn.
Nicht nur, dass ich dort viele meiner alten Wegbegleiter wiederfinden kann. Ich kann sogar systematisch (da ist es wieder) in ihren Kontakten recherchieren, dadurch weitere alte Bekannte wiederentdecken und neue Kontakte hinzufügen. Über die Vernetzung in den Netzwerken erfahre ich viel über Beziehungen. In den Profilen meiner Kontakte erfahre ich viel über Trends, Anforderungen und Buzzwords.
Spätestens über die systematische Recherche per „erweiterte Suche“ in den sozialen Netzwerken erfahre ich etwas über unbekannte Unternehmen meiner Branche, über neue Player und gar nette Menschen, die dort arbeiten, wo ich hinmöchte. Gewissermaßen Big Data für Bewerber*innen.
Aus diesen Recherchen im Netz ergeben sich häufig Ansatzpunkte für persönliche, echte Begegnungen. Bisweilen wird man tatsächlich empfohlen, häufig ist die aktive Kontaktaufnahme aber die sicherere Variante
Übrigens: Früher oder später kommt es für gewöhnlich auch zu dem einen oder anderen persönlichen Treffen. Spätestens wenn ich den Online-Kontakt dann erfolgreich in der realen Welt treffe, kommt er dann wirklich zum Einsatz: Der gemeinsame Kaffee.
| Kleiner Werbeblock: Öffentliche Vorträge von Lars Hahn finden häufig auf Karrieremessen oder in Berufsinformationszentren der Agenturen für Arbeit statt. Solltest du Interesse haben, einen Vortrag von uns für solche Gelegenheiten zu buchen, findest du hier weitere Infos. |
Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Unsere Artikel werden verfasst von unserem Redaktionsteam bestehend aus Angela Borin, Lars Hahn und Kay Pfefferkuchen.
Die LVQ Weiterbildung und Beratung GmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Online-Präsenzunterricht mit Dozent*innen aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.
Für Berufstätige bietet die LVQ Business Akademie entsprechende Weiterbildungen. Der Fokus liegt auf der Vermittlung fachspezifischer Themen aus dem gesetzlich geregelten Bereich. Inhouse-Seminare, Beratung und Schulungen für Unternehmen runden das Angebot der LVQ ab.







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