Jobsuche: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im Fokus

Kollegialer Zusammenhalt in KMUDie Wahrnehmung des Arbeitsmarktes in Deutschland wird stark durch große Betriebe geprägt. Sei es in Karriereteilen großer Tageszeitungen, in Online-Jobbörsen oder auf Jobmessen – Großunternehmen und Konzerne wie Siemens, Daimler oder Henkel sind für Bewerber und Jobsuchende allgegenwärtig und somit häufig erster Anlaufpunkt für eine Bewerbung. Kleine und mittlere Unternehmen (kurz: KMU) kommen dabei häufig zu kurz, obwohl auch sie lukrative Stellen zu bieten haben und nicht selten auch der besser passende Arbeitgeber sind.

Im heutigen Beitrag möchten wir aufzeigen, welche Vor- und Nachteile KMU als Arbeitgeber gegenüber Großunternehmen haben und Tipps geben, wie Sie die interessanten und auf den ersten Blick nicht sichtbaren KMU finden.

KMU und Großunternehmen – ein Zahlenspiel

29,1 Millionen Beschäftigte verteilen sich in Deutschland auf fast 2,5 Millionen Betriebe (Quelle: Statistisches Bundesamt). Diese Zahl mag auf den ersten Blick nicht überraschen, auf den zweiten Blick schon. Schaut man sich nämlich die Verteilung der Beschäftigten auf die unterschiedlichen Unternehmensgrößen (siehe Abbildung) an, findet man Zahlen die durchaus zum Nachdenken anregen.

Mit Blick auf die Grafik sehen wir, das Großunternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern gerade mal einen (!) Prozent der Betriebe in Deutschland ausmachen. 99% der Unternehmen sind Kleine und mittlere Betriebe (KMU), die über 70 % der deutschen Arbeitnehmer beschäftigen.

Gerade mal 1% der deutschen Betriebe prägt also unsere Wahrnehmung des Arbeitsmarktes und steuert unbewusst unsere Bewerbungsaktivitäten während der Jobsuche. Die meisten Bewerber, vor allem Hochschulabsolventen, konzentrieren sich bei ihrer Jobsuche auf die öffentlich ausgeschriebenen Stellen von Konzernen und Großunternehmen und begeben sich somit in die größtmögliche Konkurrenzsituation mit anderen Bewerbern, die sich ebenfalls auf dieses eine Prozent bewerben. „Früher hatten wir 800 Bewerber auf eine Stelle, heute nur noch 300. Das ist für uns Fachkräftemangel“ sagte uns kürzlich ein Konzern-Personalverantwortlicher auf einer Karrieremesse. Für den Bewerber hingegen bedeutet dies, sich gegen 299 Konkurrenten durchsetzen zu müssen.

Dabei sind Großunternehmen für viele Bewerber nicht unbedingt die beste Wahl. Wir haben häufig Berufserfahrene mit Konzernbackground als Teilnehmer, die feststellen, dass sie in Konzernstrukturen nicht gut zurechtkommen und lieber bei einem KMU arbeiten möchten.

KMU vs. Konzern – Vor- und Nachteile

Doch woher soll ein Berufseinsteiger ohne Berufserfahrung wissen, welcher Unternehmenstyp der für ihn richtige ist?

„Willst Du Karriere machen, musst Du bei einem Großunternehmen oder Konzern einsteigen.“ Gerade in den Köpfen von Berufseinsteigern hält sich diese Grundannahme bis heute. Dabei impliziert diese Annahme eine überholte Vorstellung des Karriere-Begriffs. Früher war „Karriere“ gleichzusetzen mit der Optimierung von Gehalt und Titel. Dies hat sich durch gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen verändert. Heute bedeutet „Karriere“ vielmehr, den passenden Job zur eigenen Lebenssituation zu finden. Karrierecoach Dr. Bernd Slaghuis geht in seinem Interview mit der Firma Hays sogar noch einen Schritt weiter:

„Ich definiere Karriere als die berufliche Entwicklung eines Menschen, passend zu seinen aktuellen persönlichen Werten und Zielen im Leben und im Beruf. Unsere Ziele und Werte können sich im Laufe des Lebens verändern. Das, was uns mit Mitte 40 im Beruf wichtig ist, ist meist etwas anderes, als es zum Zeitpunkt des Berufseinstiegs der Fall war.“

Die Wahl des passenden Arbeitgebers hängt also von vielen individuellen Faktoren ab:

  • Welche Ziele habe ich?
  • Welche persönlichen Werte sind mir wichtig?
  • Welcher Arbeitgeber passt zu meiner persönlichen Lebenssituation?
  • Mit welcher Philosophie und mit welchem Image eines Arbeitgebers kann ich mich identifizieren?
  • Was brauche ich in beruflicher Hinsicht, um mich wohl zu fühlen?

Unsere Kollegin Angela Borin lernte sowohl die Strukturen eines Konzerns, als auch die eines Kleinunternehmens kennen. Was bewog sie dazu, ihren Job beim Großunternehmen gegen die Stelle bei der LVQ mit nur 20 Mitarbeitern einzutauschen?

„Mir hat die Arbeit im Großunternehmen schon Spaß gemacht. Ich hatte tolle Kollegen, internationalen Kontakt und die Firma hat einige geldwerte Vorteile geboten. Das war aber nicht das, was mir wichtig ist. Neben dem kollegialen Zusammenhalt schätze ich eine familiäre Arbeitsatmosphäre und besonders auch die Möglichkeit der kreativen Entfaltung. Ich möchte etwas bewirken und mitgestalten können. Das hätte ich im Großkonzern in der Form so nicht bekommen. Bei der LVQ aber schon.“

Grob kann man zusammenfassen, dass für Konzerne tendenziell Aspekte wie Gehalt und geldwerte Vorteile, professionelle Einstiegsprogramme, Internationalität und Image/Prestige sprechen. Auch finden sich in Konzernen eher klar abgegrenzte Aufgabengebiete und Zuständigkeitsbereiche.

KMU können hingegen mit flachen Hierarchien, familiären Strukturen, einem breiten Aufgabenspektrum und mehr Freiheiten punkten. Gleichzeitig sind gerade KMU höchst vielfältig. Da gibt es die kleinen inhabergeführten Traditionsunternehmen, in denen die „gute Patriarchin“ den Weg vorgibt und für die Mitarbeiter sorgt. Am anderen Ende gibt es das agile Startup, das rasant wächst und bei dem engagierte Neueinsteiger die Ärmel hochkrempelnd schneller Karriere machen können als in jedem Konzern. Auch die Branchenvielfalt ist enorm: KMU ist schickes IT-Startup, Industriebetrieb, Handel, Handwerk, Dienstleistung oder gar regionales Busunternehmen.

Wie bereits beschrieben, dominieren Großunternehmen in ihrer Wahrnehmung als Arbeitgebermarke. Sie im Internet zu finden, ist nicht schwierig, da sie alle möglichen Kanäle der Mitarbeitergewinnung nutzen. Zweifelhafte Arbeitgeberrankings à la Deutschlands beste Arbeitgeber tun dabei ihr übrigens. KMU gehen dabei oft unter und sind darauf angewiesen, andere Kanäle der Mitarbeitergewinnung zu nutzen. Dies bedeutet umgekehrt auch für Bewerber eine andere Herangehensweise bei der Recherche nach KMU als bei der Bewerbung für Konzerne.

KMU im offenen Stellenmarkt finden

Natürlich findet man auch Ausschreibungen von kleinen und mittleren Unternehmen in gängigen Stellenbörsen wie Stepstone, Indeed und Co. Häufig gehen diese jedoch im Vergleich zu den Großunternehmen etwas unter. Dennoch gibt es einige Plattformen, in denen Sie gezielt nach KMU suchen können:

Yourfirm.de

„Stellenangebote und Jobs im Mittelstand“ ist das Motto der mehrfach prämierten Stellenbörse Yourfirm. Der Name ist Programm: Yourfirm bietet exklusive Stellenanzeigen von kleinen und mittelständischen Unternehmen, meist sogenannten „Hidden Champions“, die nicht sonderlich bekannt, aber Weltmarktführer in ihrem Bereich sind.

Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit

Erstaunlicherweise wird die Jobbörse der BA in vielen Aufzählungen der Top-Stellenbörsen vernachlässigt. Dabei hat sie mit über 1,6 Millionen Stellen (Stand 03/2019) ein hohes Stellenpotenzial. Vor allem für kleinere Unternehmen spielt sie eine große Rolle, da diese dort im Gegensatz zu den gängigen Stellenbörsen kostenfrei inserieren können. Außerdem pflegen die jeweiligen Agenturen für Arbeit gute Kontakte zu lokalen Arbeitgebern, die meist KMU sind.

Crosswater Job Guide und Jobforest

Die beiden Webseiten Crosswater Job Guide und Jobforest funktionieren nach demselben Prinizip: Sie bündeln alle Stellenbörsen nach Fachbereichen.

Screenshot der Plattform Jobforest: Überblick der Fachbereiche

Screenshot der Plattform Jobforest.de

Dies ist vor allem hilfreich, wenn man schon eine Vorstellung der Zielbranche hat.

 

KMU im verdeckten Arbeitsmarkt finden

Eine besondere Bedeutung kommt bei der Jobsuche mit Fokus KMU dem sogenannten verdeckten Arbeitsmarkt zu. Damit sind Stellen gemeint, die über verdeckte Wege besetzt werden. Laut Studie des IAB werden über die Hälfte der Stellen in Deutschland über nicht öffentliche Wege besetzt, wie man an dieser Auflistung der genutzten Such- und Besetzungswege der Arbeitgeber sieht:IAB: Such- und Besetzungswege bei Neueinstellung nach Betriebsgröße

Wie man in der Grafik sieht, werden mindestens 55 % der Stellen verdeckt besetzt, was sich wie folgt zusammensetzt:

  • 32 % über persönliche Kontakte
  • 10 % durch Initiativbewerbungen oder Bewerberpools
  • 5 % durch einen Vermittlungsauftrag an die Bundesagentur für Arbeit
  • 4 % über Arbeitsvermittlung und Personaldienstleistung
  • 2 % über interne Stellenausschreibungen
  • 2 % durch Auswahl aus Azubis/Leiharbeitern oder Praktikanten

Teilt man die Zahlen auf die Größenkategorien auf, sind es 42 % bei großen, 50 % bei mittleren und sogar 69 % der Stellen bei kleinen Unternehmen, die über den verdeckten Stellenmarkt besetzt werden. Drehen wir den Spieß für die Suche nach KMU also einfach mal um. Laut der Studie wären folgende Maßnahmen die erfolgreichsten, um an verdeckte Stellen in KMU zu kommen

1) Persönliche Kontakte nutzen

Im ersten Schritt wäre der eigene Familien-, Freundes-, und Bekanntenkreis zu durchforsten. Wer arbeitet in einem für mich spannenden Unternehmen? Wer kann mir weiterhelfen? Zweiter Schritt: Das eigene Netzwerk erweitern. Wie das funktioniert, können Sie in unserem Blog nachlesen. Dort finden Sie ein ganzes Sammelsurium zum Netzwerken und „Systematisch Kaffeetrinken“.

2) Initiativ bewerben

Initiativbewerbungen sind ein Kapitel für sich. Hier können wir den Beitrag der Karrierebibel mit Beispielen und Gratis-Vorlagen empfehlen. Für eine Initiativbewerbung muss man jedoch zunächst das passende Unternehmen finden. Dies können Sie zum Beispiel auf XING.

3) XING.de

In keinem anderen Online-Tool werden Sie so genau und umfangreich nach Unternehmen suchen können wie in der erweiterten Suchfunktion von XING. Allerdings brauchen Sie dazu einen Premium-Zugang. Der lohnt sich jedoch. So können Sie nach den Kriterien „Ort“, „Branche“, „Mitarbeiterzahl“ und „PLZ“ suchen. Unsere Suche nach „Düsseldorf“, „Maschinenbau und Betriebstechnik“, „1-200 Mitarbeiter“ ergab immerhin 171 Treffer. Hier werden jedoch nur Unternehmen angezeigt, die auch ein Basisprofil auf XING haben.

4) Kununu

Auch im zu XING gehörenden Arbeitgeberbewertungsportal kununu können Sie nach KMU suchen, die ihren Kriterien entsprechen.  Hier sehen Sie zusätzlich, wie aktuelle und ehemalige Mitarbeiter den Arbeitgeber in unterschiedlichen Kriterien bewerten.

5) Branchenbezogene Suche

Branchenbezogene Datenbanken liefern eine gute Alternative zu Stellenbörsen und Plattformen wie XING. Dazu lassen sich Portale wie das Firmendb Branchenbuch, Wer-liefert-was?, ingenieur.de oder chemieatlas.de gut nutzen.

6) Suchmaschinen nutzen

Sofern Sie wissen, welche Branchen und welche Themen für Sie in Frage kommen, lohnt sich auch eine eher unkonventionelle Nutzung der gängigen Suchmaschinen. In unserem Blog finden Sie das Interview mit unserem Absolventen Peter Behrendt, der über eine Google-Suchabfrage „Fachkraft für Arbeitssicherheit“ + „Kirche“ an seine Stelle gekommen ist. Ein anderer Absolvent ist Skandinavistiker, suchte nach „Werbeagentur“ + „Skandinavien“ und fand so sein Praktikumsunternehmen.

Zudem macht just die Schlagzeile die Runde, dass „Google for Jobs“ in Deutschland auf den Markt geht und die direkte Jobsuche über das Suchmaschinenportal noch mehr an Bedeutung gewinnen wird.

7) IHK-Brancheninformationen

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) stellt für ihre jeweiligen Standorte Brancheninformationen zur Verfügung. Diese dienen eigentlich der Orientierung für den eigenen Geschäftsbetrieb oder als Erstinformation bei der Gründung eines Unternehmens. Jedoch kann jeder diese Informationen, manchmal gegen ein kleines Entgelt, beantragen. Wir hatten bereits Rückmeldungen von TeilnehmerInnen, die über diesen Weg erfolgreich Initiativbewerbungen platzieren konnten.

KMU als sinnvolle Alternative zu Großunternehmen

Die Wahl des Arbeitgebers hängt stark von der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Zielsetzung ab. Sowohl Großunternehmen als auch KMU haben ihre Vor- und Nachteile. Machen Sie sich im ersten Schritt Gedanken, was Ihnen beruflich wichtig ist. Dies schafft Klarheit für die Wahl des Arbeitgebers. Berücksichtigen Sie bei Ihrer Jobsuche nach KMU, dass es oftmals andere Spielregeln bei der Bewerbung gibt, wie wir anhand der Studie des IAB erfahren haben.

Haben Sie bereits Erfahrungen mit KMU als Arbeitgeber? Wie haben Sie Ihre Stelle gefunden? Wir freuen uns auf Ihr Feedback.

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Ein Kommentar zu “Jobsuche: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im Fokus
  1. Freund16 sagt:

    Danke für den guten Beitrag. Ich finde heutzutage kann jeder einen Job finden, weil gerade KMU immer was im Angebot haben. Und mit StartUps zeigen sich auch neue Möglichkeiten. Da brauch man kein Laufbahncoaching, um auch mal einen neuen Einstieg zu finden… 😉

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