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In einer sich rasant verändernden Arbeitswelt ändern sich auch die beruflichen Bedürfnisse der Menschen. Mehr und mehr wollen weg von „höher, schneller, weiter“, hin zum passenden Job für die eigene Lebenssituation. Der Lebenslauf als Datenblatt der beruflichen Vergangenheit wirkt da wie ein veraltetes Instrument. Dennoch ist er sowohl bei der Jobsuche, als auch im Recruiting immer noch zentrales Element. Sowohl die mitarbeitersuchenden Unternehmen, als auch die Bewerber bleiben in gewohnten Mustern hängen.

„Du bist mehr als Dein Lebenslauf“ ist unser Motto das wir für die Zukunft der Jobsuche und Personalauswahl entgegnen möchten. Es ist zudem ein Leitsatz den wir selbst täglich leben. Es ist Sinnbild für unsere Haltung und Wertschätzung gegenüber unseren Teilnehmern und hat daher für uns eine große Bedeutung. Wie wir auf dieses Motto gekommen sind und wie Bewerber und Personaler es für sich nutzen können, erzähle ich in diesem Blogbeitrag.

New Work: Arbeit die man wirklich, wirklich will

Es ist der 20.02.2020 und der erste Tag unseres neuen Kurses „Agile Methoden und Scrum“. 24 Teilnehmer sitzen in Seminarraum 3 unseres Bildungszentrums und warten erwartungsvoll auf den Start. Einer dieser 24 Teilnehmer bin ich. Eigentlich berate ich Interessenten zu unseren Weiterbildungen und unterrichte selbst. Wie wird es wohl sein, auf der anderen Seite der „Schulbank“ zu sitzen? Selbst Teilnehmer zu sein?

Gespannt lauschen wir Dozentin Britta Gohl, die zum Einstieg über die Bedeutung von agilen Arbeiten im Kontext der Veränderung der Arbeitswelt, „Arbeit 4.0“ und „New Work“ referiert. Besonders eine Aussage von New-Work-Begründer Frithjof Bergmann lässt aufhorchen und führt zu ersten Diskussionen unter den Teilnehmern: Ein zentraler Wert der „neuen Arbeit“ sei eine Arbeit, „die man wirklich, wirklich will“.

Um 9:30 Uhr ist die erste Pause. Die Diskussion zu New Work geht mit einigen Teilnehmern weiter. Wie kann eine Arbeit aussehen, die man „wirklich, wirklich will“? Darf man sich überhaupt erlauben, darüber nachzudenken? Ist das nicht nur eine Utopie?
Noch ahnen wir nicht, dass ein Virus unser Leben in den nächsten Monaten bestimmen und uns das Thema „New Work“ vielleicht schneller, wenn auch anders, erreichen wird als gedacht.

Hochqualifiziert, aber ohne Job

Es ist spannend zu sehen, aus welchen Bereichen die anderen Teilnehmer kommen. Da ist der ehemalige IT-Direktor eines Kabelnetzbetreibers, die ehemalige Marketing-Managerin eines Biotechnologie-Konzerns, der ehemalige Logistikleiter oder die promovierte Chemikerin. Alle hochqualifiziert und alle ohne Job.

Mich erstaunt es mal wieder, wie viele Menschen trotz ihrer Qualifikation Schwierigkeiten haben einen Job zu finden. Woran liegt das?

Mario erzählt, dass er zuletzt in leitender Funktion bei einem Logistikunternehmen tätig war. Der Job hat ihn nicht glücklich gemacht. Im Logistikbereich würde er aufgrund seines Lebenslaufs wahrscheinlich wieder schnell eine Stelle bekommen, mit der Branche ist er jedoch auch nicht glücklich. „Irgendwie bin ich da so reingerutscht. Eigentlich wollte ich auch nie Führungsaufgaben übernehmen“. Und würde sich Mario noch mal entscheiden können, würde er auch die Ausbildung zum Speditionskaufmann nicht mehr machen. Also hat Mario versucht, sich als Quereinsteiger auf andere Positionen in anderen Branchen zu bewerben. Das hat nicht funktioniert, also versucht Mario durch die Weiterbildungen bei der LVQ den Quereinstieg zu schaffen.

Weg von höher, schneller, weiter

So wie Mario geht es vielen Menschen im Beruf. Sie sind unzufrieden mit ihrem Job, haben vielleicht das Falsche studiert oder gelernt und möchten etwas Anderes machen. Im Laufe der letzten Jahre beobachten wir das immer mehr. Das Karriereverständnis ändert sich: Weg von höher, schneller, weiter – hin zu einem Job der zum eigenen Leben, den eigenen Bedürfnissen, den eigenen Werten passt.

Andere wiederum verlieren aus unterschiedlichsten Gründen ihren Job und müssen sich Gedanken über einen Berufs- oder Branchenwechsel machen, der nicht aus einem inneren Antrieb kommt.
Das Dilemma: Für Quereinsteiger und Berufswechsler ist es schwierig auf dem offenen Stellenmarkt. Denn viele der deutschen Großunternehmen verfolgen immer noch die Idee von linearen Karrierepfaden:

  • Welche Branchenerfahrung haben die Kandidat/Innen?
  • Welche passenden Berufs- oder Studienabschlüsse bringen Bewerber/Innen mit?
  • Bei welchen einschlägigen Unternehmen waren sie tätig?
  • Welche IT-Programme beherrschen sie?
  • Wie alt sind sie („zu jung“/ „zu alt“)?
  • Wie viele Stellenwechsel haben sie?
  • Ist da etwa eine Lücke im Lebenslauf?

Nicht die tatsächlichen Fähigkeiten, die Motivation oder kulturelle Passung zwischen Unternehmen und Kandidat stehen hier im Vordergrund, sondern ausschließlich harte Fakten. Auch wenn nicht alle Unternehmen so verfahren, so sind es doch viele der großen Arbeitgeber, und die diktieren unsere Wahrnehmung des Arbeitsmarktes. Bei den Bewerbern entstehen somit einschränkende Glaubenssätze: „Ich bin zu alt“, „Ich war zu lange arbeitslos“, „Ich habe nicht genug Berufserfahrung“, „Ich bin  überqualifiziert“ und so weiter.

Dies führt dazu, dass Bewerberinnen und Bewerber sich bei der Stellensuche doch wieder nach ihrem Lebenslauf und dem was sie bisher gemacht haben orientieren oder schlimmer noch, irgendwann resignieren.

Übertragen wir das mal auf das Leben außerhalb der Berufswelt. Stellen Sie sich vor, Sie würden von anderen Menschen in erster Linie nach ihrer Vergangenheit beurteilt werden. Ihr „Jetzt“, Ihre Bedürfnisse, Ihre Eigenschaften, Ihre Werte würden nur am Rande interessieren. Es würde Ihnen den Raum nehmen, sich Gedanken darüber zu machen wie Sie leben möchten.

So ist es auch mit der Jobsuche. Der Lebenslauf bedeutet den Blick in den Rückspiegel, der permanent ins Auge gefasst wird. Die eigenen Bedürfnisse und der Blick in das berufliche Morgen, so wie man es sich wünscht, bleiben somit ungesehen.  

Wie man die Arbeit findet, die man wirklich, wirklich will

Dass es anders geht erleben wir hier bei der LVQ immer wieder.
 

Ich erzähle Mario und den anderen von ehemaligen Teilnehmern, die in derselben Situation steckten und den Job gefunden haben, den sie gerne machen: Eva-Daniela, die von der Werbekauffrau zur Beraterin für Datenschutz und Qualitätsmanagement wurde. Von Axel, der sich lange bei Call-Centern durchschlug, bis er eine Stelle als Fachkraft für Arbeitssicherheit beim TÜV erhielt. Oder von Stefanie, die als promovierte Biologin ihre Berufung bei einer Kommunikationsagentur gefunden hat.

Stefanie machte bei der LVQ zunächst eine Weiterbildung im Qualitätsmanagement, da dies in vielen Stellenausschreibungen gefordert wurde. Sie merkte dann jedoch, dass ihr das Thema überhaupt nicht liegt und war darüber unglücklich. Also sprachen wir darüber, worin ihre Stärken liegen und woran sie Spaß hat: Kommunizieren, schreiben, Texte verfassen. Während des Studiums freute sie sich sogar mehr auf schriftliche Arbeiten, als auf das Labor. Also überlegten wir, wo diese Stärken gefragt sind. Sie machte zusätzlich die Weiterbildung zur Online-Redakteurin und bekam so ihren Job bei der Kommunikationsagentur.

Stefanie löste sich also von der Vorstellung, was der Arbeitsmarkt vermeintlich fordert. Sie lenkte den Fokus von ihrem Lebenslauf und stellte ihre eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund.

Ähnliche Erfahrungen machte meine Kollegin Angela Borin, die in einen Blogbeitrag beschreibt, mit welcher inneren Haltung sie ihren Wunschjob bekommen hat. Als Berufseinsteigerin hatte sie in ihrem Lebenslauf noch nicht viel vorzuweisen, also war der Fokus auf andere Aspekte zwangsläufig nötig. Sie stellt sich entscheidende Fragen wie „Was kann ich?“, „Was will ich?“ und „Wie komme ich dahin?“ und hörte nicht auf nach entsprechenden Lösungen zu suchen. Sie suchte Gespräche mit Menschen aus ihrem Umfeld und redete offen über ihre Jobsuche, sie nahm eine Berufsberatung in Anspruch, setzte sich mit ihren inneren Hürden auseinander und stellte ihre eigenen Bedürfnisse bei ihrer Jobsuche in den Vordergrund. Das Ergebnis war dasselbe wie bei Stefanie.

Im Seminarraum ist jeder mehr als sein Lebenslauf

„Du bist mehr als Dein Lebenslauf“ – ist der Satz, der mir durch den Kopf schwirrt, als ich mit Mario und den anderen über diese Beispiele rede. Er verfestigt sich im Laufe des Kurses bei mir. Es ist spannend zu beobachten, wie die Teilnehmer aus unterschiedlichsten Fachbereichen mit dem Thema agile Methoden und Scrum umgehen, welche Fähigkeiten sie in Gruppenarbeiten einbringen. Der fachliche Hintergrund, der berufliche Werdegang, der Lebenslauf spielt im Seminarraum keine große Rolle, sondern die persönlichen Eigenschaften der Teilnehmer und das Miteinander. Wäre dies hier ein Assessment-Center, bei dem die beobachtenden Personaler keine Infos über den fachlichen Hintergrund der Teilnehmer hätten, es würde zu einigen Überraschungen kommen.

Du bist mehr als Dein Lebenslauf – Ein Motto für mehrere Zwecke

„Du bist mehr als Dein Lebenslauf“ – passt als Motto in vielerlei Hinsicht…

1) …als Botschaft an jeden Menschen der sich Gedanken über seine berufliche Zukunft macht, sei es aus der Arbeitslosigkeit heraus oder aus dem Wunsch des Jobwechsels.

Lösen Sie sich ein Stück weit von den Anforderungen der öffentlichen Stellenausschreibungen und davon was ihr Lebenslauf vermeintlich hergibt. Stellen Sie sich die Fragen Was kann ich? Was und wohin will ich? Wie komme ich dahin?

Beantworten Sie systematisch diese Fragen. Ein Tool was wir hierbei empfehlen können ist der Talentkompass NRW vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales NRW.

2) …als Appell an Personaler und Personalentscheider.

Für die Besetzung mancher Positionen ist es absolut nachvollziehbar, dass bestimmte Kenntnisse und Erfahrungen notwendig sind, die sich nun mal aus dem Lebenslauf erschließen lassen. Doch dem Lebenslauf wird beim Recruiting leider viel zu viel Bedeutung beigemessen. Der angesehene Personalexperte Henrik Zaborowski bezeichnet den Lebenslauf im Interview mit uns gar als „menschliches Produktdatenblatt“ und „krankes Instrument“, das dem Recruiter eine gewisse Sicherheit vorgaukle:

„Wir lernen gerade, dass sich durch die Digitalisierung alles verändert, schneller wird. Fachwissen bleibt nicht lange aktuell. Also müssen wir doch nach den grundlegenden Fähigkeiten fragen, die ein Mensch hat: Kann jemand gut mit anderen Menschen, ist er kommunikativ? Oder kann er eher gut mit Zahlen? Dem muss ich dann den Rest, den er noch braucht, beibringen.

Das machen wir aber nicht, sondern wir suchen nach den fertigen Kandidaten mit den genau passenden fachlichen Skills und hoffen dann, dass die Persönlichkeit einigermaßen passt.“

Am Ende des Interviews äußert Zaborowski einen Wunsch an Personaler, den wir so nur unterschreiben können:

„Ich würde mir wünschen, dass die Recruiter endlich mal Zeit haben, sich um die Bewerber als Menschen zu kümmern.(…) Wir müssen wegkommen von formellen Abschlüssen und Qualifikationen und eher fragen:
Was kannst du grundsätzlich und was willst du eigentlich? Wofür schlägt dein Herz und wo können wir dich weiterentwickeln?“

3) ...als Leitspruch für unsere Arbeit mit Jobsuchenden in der LVQ

Dies beginnt bei der Erstberatung. Der Lebenslauf spielt zur fachlichen Einordnung eine Rolle, mehr nicht. Daher scanne ich nur kurz drüber, manchmal bekommen wir auch gar keinen Lebenslauf im Vorfeld zugeschickt, egal. Für uns ist wichtig zu wissen, welcher Mensch vor uns sitzt. Unsere Teilnehmer befinden sich meistens in der schwierigen Phase der Arbeitslosigkeit. Fragen die uns bewegen sind:

  • Was haben sie erlebt?
  • Welche beruflichen Ziele haben sie? Wie können wir ansonsten dabei helfen, Ziele zu finden?
  • Mit welchen Herausforderungen müssen sie umgehen?
  • Welche Weiterbildung kann dabei helfen und wie können wir darüber hinaus unterstützen?

Dies setzt sich dann in der individuellen Arbeit mit unseren Teilnehmern während der Weiterbildung fort. Vor allem bei der Frage „Wie komme ich dahin, wo ich hin will?“ unterstützen wir unter Berücksichtigung der Fähigkeiten, Eigenschaften, Bedürfnisse und Ziele unserer Teilnehmer.
Zwar helfen wir unseren Teilnehmern auch, wenn nötig, ihren schriftlichen Lebenslauf zu pimpen, allerdings nur als ein Element eines umfassenden Prozesses der beruflichen Positionierung und der Jobsuche.
Doch primär kommen unsere Kunden zu uns um sich weiterzubilden. Bei uns positionieren sie sich neu, schaffen neue Netzwerke, lernen Soft Skills, die über die hier erworbenen Zertifikatstitel für die Aktualisierung des Lebenslaufs hinausgehen. Über ihren Lebenslauf hinaus, stellen sie bei uns die Weichen für ihre berufliche Zukunft.

Du bist mehr als Dein Lebenslauf – was hinter diesem Beitrag steckt

Nach 20 Tagen endet meine Weiterbildung und meine Zeit als „Teilnehmer“. Neben neuen Kenntnissen und dem Zertifikat als „Professional Scrum Master“ nehme ich vor allen die Erfahrungen aus den Gesprächen mit den Teilnehmern mit.
„Du bist mehr als Dein Lebenslauf“ ist der Satz, der seitdem bei mir hängen bleibt. Zu diesem Zeitpunkt suchen wir für das Marketing der LVQ nach Sprüchen für Motivkarten. Ich erzähle meinen Kolleginnen und Kollegen von dem Satz und er sitzt direkt. Jeder von ihnen versteht sofort, was damit gemeint ist.

Er bringt unsere Haltung und Wertschätzung unseren Teilnehmern gegenüber auf den Punkt. In Gesprächen über den Spruch kommen die unterschiedlichen Kontexte auf, in denen dieser Satz seine Bedeutung findet. Für uns war klar, dass wir daraus nicht nur diesen Blogbeitrag machen. Wir haben ihn verewigt als Motivkarte, die wir Ihnen gerne zur Verfügung stellen, je nachdem welche Verwendung Sie dafür haben.  

Sie können die Karte hier herunterladen und sie mit den Menschen teilen, die sie daran erinnern möchten, dass sie mehr sind als ihr Lebenslauf.

Kartenmotiv "Du bist mehr als Dein Lebenslauf" als download

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2 Kommentare

Jacob Akpojaro
13. August 2020

Hallo Martin,

 

Dein Artikel hat mir sehr gut gefallen, es spricht mir aus der Seele und konnte mich an viele die erwähnt Punkte wieder finden.

Es bringt einen zum Nachdenken, der Fokus lieber auf den eigenen Stärke und Werte zu fokussieren, statt sich zu sehr mit die Erwartungen zu beschäftigen.

 

Vielen Dank und Grüß

J.A


Martin Salwiczek
19. August 2020

Hallo Jacob,

 

vielen Dank für Dein Feedback!

 

Liebe Grüße,

Martin


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