Hören Sie auf, sich zu bewerben! Jobsuche im verdeckten Stellenmarkt

In diesem Beitrag erfahren Sie, weshalb es während der Jobsuche hilfreich sein kann, sich nicht zu bewerben. Es geht hier um die bewusste Jobsuche im verdeckten Stellenmarkt.

Kennen Sie das Spiel „Die Reise nach Jerusalem“?

Kinder laufen im Kreis um Stühle und müssen sich bei einem Signal oder stoppender Musik auf einen Stuhl setzen. Immer ist ein Stuhl zu wenig da und ein Kind scheidet aus. Zuletzt ergattert eines den letzten Stuhl.

So ähnlich geht auch das Bewerbungsritual, nur mit verschärften Bedingungen. Anstelle von zwei finalen Bewerbern, wollen Nzig Jobsuchende eine Stelle, wobei eben von Anfang an nur ein Stuhl frei ist (Nzig steht für 5zig, 4zig, 7zig).

Denn das ist die Wahrheit: Trotz vielfach beschworenen Fachkräftemangels bewerben sich im offenen Stellenmarkt relativ viele Menschen auf eine einzige Stelle.

Mittlerweile dürfte bekannt sein: Der offene Stellenmarkt bildet (Stellenanzeigen, Ausschreibungen, Jobbörsen) nur einen Bruchteil der zu besetzenden Stellen ab. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (kurz: IAB) zeigte in seiner sehr umfassenden Stellenerhebung von 2017, dass nur  31 Prozent der Stellen über Jobbörsen und Printanzeigen besetzt werden.

Etwa 30 Prozent der Stellen werden offen besetzt

Möglicherweise werden zwar mehr als 30 Prozent der zu besetzenden Stellen ausgeschrieben, nur werden diese dann bisweilen trotzdem anders besetzt.

Nach meiner Erfahrung konzentrieren sich mehr als 90 Prozent der Bewerber genau auf den offenen Stellenmarkt. Daher das Bild von der Reise nach Jerusalem mit verschärften Bedingungen.

Spätestens wenn jemand in seiner Bewerbung eines der folgenden Merkmale präsentiert: Zu wenig Berufserfahrung, zu viel Berufserfahrung, die falsche Berufserfahrung, zu häufig gewechselt, zu wenig gewechselt, überqualifiziert, keine Branchenerfahrung (und wir reden jetzt mal nicht von Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund) – könnte er beim Balgen um den heißen Stuhl regelmäßig leer ausgehen. „Obwohl ich fachlich geeignet bin…“, „Obwohl ich die Aufgaben erledigen könnte…“.

Manche Bewerber flüchten sich dann in noch mehr Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen, bei denen sie gar nicht mehr wirklich erwarten, zu den Bewerbungsgesprächen eingeladen zu werden. Dabei werden viele Stellen ganz anders besetzt als durch Ausschreibungen. Ganz gleich ob nun 70 oder nur 50 Prozent – gerade interessante, anspruchsvollere Stellen werden bisweilen im verdeckten Stellenmarkt vergeben.

Verdeckter Stellenmarkt: Bewusstes Pflegen von Kontakten

Was genau ist der verdeckte Stellenmarkt? Er umfasst alle Stellen, die nicht über offene Ausschreibungen in Jobbörsen, Stellenportalen oder Anzeigen besetzt werden. Jobs im verdeckten Stellenmarkt werden durch Kontakte und Empfehlungen besetzt.

Mitarbeiter empfehlen Kunden, Lieferanten, Geschäftspartner oder gar ehemalige Kollegen, Mitstreiter aus der Weiterbildung von vor drei Jahren, die Freundin aus dem ehrenamtlichen Engagement beim Kinderschutzbund.

Die Regeln des verdeckten Stellenmarktes basieren auf Vertrauen und Empfehlungen. Wer da mitmachen möchte, sollte zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Oder Sie stehen bereits im Adressbuch der Mitarbeiter Ihrer Branche. Xing lässt grüßen.

Vernetzung, gezielte Initiativbewerbung, Gespräche führen mit Bekannten und ehemaligen Kollegen, sich in Erinnerung bringen. Ich nenne die Strategie bekanntermaßen „Systematisch Kaffeetrinken“.

Einen umfassenden, besonders lesenswerten Artikel über die Mechanismen des verdeckten Stellenmarktes hat Jochen Mai in der von uns geschätzten Karrierebibel verfasst.

Job per Zufall?

Spannend ist übrigens, dass viele Menschen, die regelmäßig und viele Bewerbungen schreiben, mir in Vorträgen antworten, dass sie den verdeckten Stellenmarkt gar nicht beackern, schon gar nicht systematisch. Glücklicherweise stimmt das nur halb. Während die Jobsuche per Bewerbung systematisch und bewusst verläuft, werden Aktivitäten im verdeckten Stellenmarkt bei den meisten dem Zufall überlassen.

Wenn Sie Menschen dann fragen, wie sie letztlich die neue Stelle gefunden haben, kommen oft Antworten wie: „Das war totaler Zufall! Ich hatte mich 2undNzig mal beworben, treffe dann beim Shoppen auf eine ehemalige Kollegin, wir trinken spontan einen Kaffee miteinander, sie klagt von der Überlastung im Job und das sie Verstärkung bräuchte, ich sag ich hab Zeit. Sie stellt mich am nächsten Tag ihrem Chef vor und eine Woche später fing ich schon an. Obwohl ich gar nicht 100 Prozent passte…“

Zufall? Nee, verdeckter Stellenmarkt.

Das ist der Grund für meine überzogene Aufforderung am Eingang des Artikels: „Hören Sie doch mal auf, sich zu bewerben!“

Keine Zeit für den verdeckten Stellenmarkt?

Gemeint ist natürlich, dass Sie Ihre Aktivitäten und Aufmerksamkeit während der Jobsuche viel stärker auf den verdeckten Stellenmarkt verlagern.

Denn Bewerbungen zu schreiben, kostet viel Zeit. Die Stellenrecherche in Jobbörsen ist aufwändig, die PDF-Datei muss regelmäßig gepimpt werden. Und erst das Anschreiben…!

Bei so viel Bewerbung bleibt einfach keine Zeit für den verdeckten Stellenmarkt oder gar „Systematisch Kaffeetrinken“.

Dabei kann die Jobsuche im offenen Stellenmarkt zum Teil gestrafft werden. Nur an einem Tag der Woche wird dafür reserviert, aktiv in Jobbörsen zu recherchieren und Bewerbungen anzufertigen und zu versenden.

Die restlichen Tage widme ich mich bewusst dem verdeckten Stellenmarkt (falls Sie dann doch mal dringend eine Bewerbung absenden müssen, geht das ausnahmsweise auch).

Bewusste und systematische Suche im verdeckten Stellenmarkt

Denn die Jobsuche im verdeckten Stellenmarkt wird um ein Vielfaches wirksamer, wenn sie unter zwei Gesichtspunkten erfolgt: Bewusste Ausrichtung auf den verdeckten Stellenmarkt und systematisches Vorgehen. Darum geht es auch in meinen Tipps für die Suche im verdeckten Stellenmarkt:

Tipp 1: Bewusste Ausrichtung auf den verdeckten Stellenmarkt

Statt den größten Teil der Bewerbungsaktivitäten auf Stellenanzeigen und Jobbörsen zu verwenden und nur sporadisch Kontakte zu pflegen und zufällig „jemanden von früher“ zu treffen, drehen Sie den Spieß um. Nach der Regel 80:20 konzentrieren Sie 80 Prozent Ihrer Aktivitäten auf die Jobsuche im verdeckten Stellenmarkt und nur 20 Prozent auf die offenen Stellen. Straffes Zeitmanagement à la „Dientags und Freitags recherchiere ich in XING“, „Einmal pro Woche führe ich ein persönliches Gespräch“ unterstützen diese Ausrichtung.

Tipp 2: Sichtbarkeit für den verdeckten Stellenmarkt.

Es klingt paradox: Wer im verdeckten Stellenmarkt unterwegs ist, sollte sichtbar sein. Aktive, bewusste und systematische Jobsuche im verdeckten Stellenmarkt erfordert im Jahr 2018 auch professionelles Auftreten im Internet. Denn wer ein Business-Profil im Internet hat, kann sich im verdeckten Stellenmarkt vernetzen und dort systematisch recherchieren. Die Businessnetzwerke Xing und Linkedin sind geeignete Plattformen für berufliche Sichtbarkeit und Vernetzung. Wir haben hier im Blog bereits viele Tipps und Infos dazu veröffentlicht.

Tipp 3: Systematische Aktivitäten im verdeckten Stellenmarkt

Besonders wirksam wird die Jobsuche im verdeckten Stellenmarkt in einem planvollen Methoden-Mix aus Recherche, Pflegen und Erweitern von Kontakten und regelmäßigem Führen von Gesprächen. Netzwerke und Tools wie XING und LinkedIn können diese Aktivitäten unterstützen, manchmal sind aber auch Listen und die gute alte Excel-Tabelle für die Planung und Verfolgung der Aktionen im verdeckten Stellenmarkt nützlich.

Verdeckter Stellenmarkt trifft offene Jobausschreibungen

Mein Plädoyer für den Fokus auf den verdeckten Stellenmarkt sehen manche recht kritisch, sogar hier bei uns im Haus. „Vergiss nicht, dass viele ihre Stelle dann doch über Bewerbungen finden.“

In der Tat: Das eine kann ohne das andere kaum wirksam sein. Die Möglichkeiten der Jobsuche im verdeckten Stellenmarkt entfalten erst voll ihre Wirksamkeit, wenn Sie auch ihre Hausaufgaben in Sachen Bewerbungsanschreiben, Lebenslauf und PDF-Datei erfüllt haben.

Denn in der Praxis erleben Sie manchmal eine Melange aus verdecktem und offenem Stellenmarkt. Nachdem Sie Ihrer ehemaligen Kollegin beim von Ihnen spendierten Kaffee Ihre Bewerbungs-PDF rübergewhatsappt haben, landen Sie in derer Firma direkt im Vorstellungsgespräch und anschließend punktlandend im Job.

 

Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Hier schreiben Lars Hahn, Martin Salwiczek und Gastautoren.

Die LVQ Weiterbildung gGmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Präsenzunterricht mit Dozenten aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.

Das Angebot der LVQ Business Akademie richtet sich an Berufstätige und umfasst die Vermittlung fachspezifischer Themen aus dem gesetzlich geregelten Bereich. Inhouse-Seminare, Beratung und Schulungen für Unternehmen runden das Angebot der LVQ ab.

Wenn Sie Fragen zu unserem Angebot oder Interesse an einer Beratung haben, rufen Sie uns einfach an!

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5 Kommentare zu “Hören Sie auf, sich zu bewerben! Jobsuche im verdeckten Stellenmarkt
  1. Dieter-Michael Last sagt:

    Mal wieder fundiert auf den Punkt gebracht, Herr Hahn. Danke.

    Besonders die beiden Absätze von »Spätestens wenn jemand in seiner Bewerbung…« bis »werden bisweilen im verdeckten Stellenmarkt vergeben« kann ich aus meiner Erfahrung als Einstellender unterstreichen. Und das was in diesen Absätzen steht ist nicht neu. Das war schon immer so.

    Die drei Tipps für die »systematische Suche im verdeckten Stellenmarkt« sind eigentlich nichts anderes als das kleine Einmaleins für sinnvolles Netzwerken. Das soll Ihre Ausführungen nicht schmälern, sondern nur zeigen, dass ein systematisches Vorgehen auf dem »verdeckten Stellenmarkt« kein Hexenwerk ist. Das hat nichts Kryptisches, ist keine Geheim-Wissenschaft und man muss auch keiner besonderen Loge angehören. Man muss einfach nur tun, was Sie schreiben.

    Ich habe einen XING-Kontakt, der das wirklich vorbildlich gemacht hat. Nachdem sich auf dem offenen Stellenmarkt über ein Jahr nichts getan hat, hat er sich auf das systematische Netzwerken verlegt. Ich habe ihn über XING kennengelernt, übrigens leibhaftig auf dem monatlichen Business-Lunch einer XING-Regionalgruppe. Er hat aber auch LI bespielt und war auch sonst sehr aktiv. Es hat, glaube ich, noch mal ein jahr gedauert, dann hatte er seinen Job. Und all das, was er sich in dieser Zeit an Netzwerk-Know-How angeeignet hat, das hilft ihm jetzt im Marketing für seinen neuen Arbeitgeber.

  2. Jan sagt:

    Ein wahnsinnig guter Beitrag der auch meine Erfahrungen zum Großteil beschreibt. Es ist nun mal wirklich effektiver wenn man durch eine Empfehlung an eine eigentlich gar nicht existierende Stelle kommt bzw zum persönlichen Gespräch, da der zukünftige Chef natürlich im Vorfeld nachfragen wird was für ein Typ man denn ist und so wird sehr viel weniger wert auf das Papier gelegt. Meine letzten Stellen habe ich alle durch private Kontakte bekommen und das auch obwohl ich laut Papier nicht geeignet war.

  3. Jerome Mittelstadt sagt:

    Ein großes Kompliment an die Autoren des Textes! Speziell Ihre Sichtweise bezüglich der Herstellung und Pflege eines Beziehungsnetzwerks halte ich in der heutigen Zeit für eine der effektivsten Strategien um Zugang zu Arbeitsplätzen zu bekommen.

    Ich denke, diese Strategie ist jedoch leider nur für eine Splittergruppe aller Arbeitssuchenden anwendbar… Der Großteil aller Arbeitssuchenden verfügt meines Erachtens, weder über das Knowhow um sich für Stellen zu prädestinieren noch über Beziehungsnetzwerke die den Zugang zu Arbeitsstellen ermöglichen könnten.

    Grade für Arbeitskräfte die frisch von Universitäten oder Hochschulen kommen und noch nicht über Kontakte zu verschiedenen Unternehmen verfügen sind Arbeitsportale/Stellenbörsen daher ein wichtiges Kontaktmedium. Aber auch hier kommt es, wie von Ihnen erwähnt auf einen Mix der Strategien an. Aber auch hier kommt es, wie von Ihnen erwähnt auf einen Mix der Strategien an. So kann es für Absolventen förderlich sein nicht nur bei der großen Jobportalen (Xing, Monster, StepStone etc.) zu suchen, sondern eben auf kleinere Seiten wie z.B.www.workpool-jobs.de/ zu suchen, da hier oftmals nicht nur nach High Potentials gesucht wird und der Pool an Mitbewerbern kleiner ist.

    Unabhängig davon jedoch ein toller Artikel! Ich bin gespannt darauf Ihre nächsten Artikel zum Thema Stellensuche zu lesen.

    Mit besten Grüßen,

    Jerome Mittelstadt

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