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In diesen Tagen verstarb Fritjhof Bergmann, Philosoph und Begründer der New-Work-Bewegung, im Alter von 90 Jahren. Mit seinen Ansätzen wollte er eine bessere Arbeitswelt schaffen und es Menschen ermöglichen, beruflich das zu tun, „was sie wirklich, wirklich tun möchten“. Zum Anlass des Todes von Frithjof Bergmann veröffentlichen wir eine Überarbeitung meines Beitrags, den ich vor einiger Zeit als XING-Insider über New Work und Frithjof Bergmann geschrieben habe:

Das Konzept von New Work sei ein revolutionärer Ansatz. Sie tun beruflich nur noch, was Sie wirklich, wirklich wollen.

Sagen die Optimisten.

New Work sei ein Hype. Bei dem mit schicken Möbeln, Kicker, Limo, geduzter Kuschelkultur („der Peter ist ein toller Chef“) und tollen Buzzwords im wieder opportunen Großraumbüro das Maximale aus den Mitarbeitern rausgeholt werden kann.

Sagen die Zyniker.

Die Wahrheit liegt wohl wie immer irgendwo in der Mitte.

Doch was ist eigentlich New Work? Unter New Work werden verschiedene Ansätze gehandelt, die oft darauf zielen, Unternehmen zeitgemäßer zu gestalten oder Führungskräfte in Zeiten der Digitalisierung fit zu machen. Welche Möglichkeiten der Einzelne hat, seine Arbeitswelt zu gestalten, wird bisweilen dabei übersehen. Daher beleuchten wir in diesem Beitrag, was New Work ist und geben Impulse, wie Sie Ihre Arbeit aktiv mitgestalten können.

Der New Work-Ansatz von Frithjof Bergmann

Damit sind wir angekommen beim Begründer des Begriffs New Work Frithjof Bergmann. Dem ging es in seinem damals sozialreformatorischen Ansatz darum „Menschen zu helfen, dass sie erfahren, was sie wirklich, wirklich wollen. Und es geht darum, dass sie lernen, mit dem, was sie wirklich, wirklich wollen, Geld zu verdienen.“ Grundannahme von Bergmann ist dabei, dass viele Menschen mit wenig Motivation der Lohnarbeit nachgehen und sich diese Arbeit dann anfühle „wie eine milde Krankheit“, während die „New Work“ dann die Arbeit sei, die man wirklich, wirklich will.

Spannend ist, dass Bergmann in den Achtzigern seine Ideen nicht im Elfenbeinturm in die Praxis umsetzte, sondern in der Autostadt Flint in den USA, wo ehemalige Automobilarbeitende nach Strukturwandel und Arbeitslosigkeit eine neue sinnstiftende Arbeit finden sollten. Nach diesem Ansatz bestünde New Work aus einem Mix von Erwerbsarbeit und der sinnstiftenden Arbeit, die man wirklich, wirklich will. Durch weitere Erfahrungen – besonders in Entwicklungsländern wie Indien – brachte Bergmann neben Erwerbsarbeit und sinnstiftender Arbeit eine dritte Komponente ins Spiel, die er „High-Tech-Self-Providing“ nannte.
Es lohnt sich, Frithjof Bergmann seine Ideen und Erfahrungen von New Work selber erklären zu lassen. Er erzählt lebendig, wie sich New Work in der Praxis umsetzen ließ und wie der eher evolutionäre als revolutionäre Ansatz Verbreitung fand.

 

New Work als Corporate Culture-Ansatz?

Die individuelle Perspektive gerät bei aktuellen Ansätzen etwas aus dem Blickfeld. Häufig handelt New Work in erster Linie davon, wie sich Unternehmen verändern müssen, um sich den vielfältigen Herausforderungen der Zukunft unserer Arbeitswelt zu stellen. Bisweilen geht es bei solchen New Work-Konzepten darum, nicht den Anschluss als attraktiver Arbeitgeber zu verpassen. Dabei thematisieren solche New-Work-Ansätze durchaus neue Wege, Veränderung, das Einbeziehen der Wünsche, Bedürfnisse und Potentiale der Berufstätigen oder im engeren Sinne der Mitarbeiter*innen. Der Kommunikationschef der New Work SE, Marc-Sven Kopka bringt die aktuelle Ausrichtung von New Work auf den Punkt, wenn er sagt:

Ein Unternehmen lebt dann New Work, wenn es sich darum kümmert, dass seine Mitarbeiter gern zur Arbeit gehen. Wenn sie dort das tun können, was ihnen etwas bedeutet und was sie wirklich, wirklich tun wollen. Wenn sie Mensch sind und keine Human Ressource.

Ganz im Sinne von Frithjof Bergmann bedeutet New Work somit auch in aktuellen Ansätzen stets Veränderung, neudeutsch Change. Aber viele Beiträge zum Thema New Work fokussieren sich darauf, dass sich zuallererst Unternehmen verändern müssen, dass besonders die jeweilige Führungskultur von Betrieben sich zu einem menschenfreundlicheren, potentialorientierten Ansatz hin verändern solle. Führung solle sich wandeln – Leadership, die Unternehmenskultur, am besten agil und digital affin und überhaupt das ganze Unternehmen. Doch was ist hier mit der Perspektive des Individuums? Was ist mit der einzelnen Mitarbeiterin, dem einzelnen Mitarbeiter? Was ist, wenn das Unternehmen New Work gar nicht will oder kann? Die individuelle Betrachtungsweise geht in der aktuellen Debatte um New Work bisweilen verloren oder steht hinten an.

Dabei hatte der Entdecker von New Work Frithjof Bergmann nämlich genau dieses „Was möchte ich wirklich, wirklich tun?“ als zentrale Frage des New Work formuliert. Dafür hat er einen Ansatz entwickelt, der jedem einzelnen dazu verhelfen soll, seine Arbeitswelt selbst zu gestalten, ganz nach dem Motto: „Frage Dich selbst, was Du wirklich, wirklich tun möchtest.“

Wie Sie New Work im Kleinen für sich selbst umsetzen

Genau da können Sie als Individuum starten mit New Work. Fragen Sie sich, was Sie wirklich, wirklich tun möchten oder „kleiner“ – „wie erlebe ich meine Arbeit neu oder gar eine neue Art des Arbeitens?“

Und dann fragen Sie sich, was Sie davon heute schon realisieren und umsetzen könnten. Und tun das. Denn etwasNeues in Ihrer eigenen Arbeitswelt tun, das können Sie auch selber: Bisweilen kleine Veränderungen herbeiführen, Ihre eigenen Routinen aufbrechen, Perspektiven wechseln, Neues in Ihrer Arbeit tun. New Work in kleinen Schritten: Evolutionär, nicht immer revolutionär. Machen Sie einfach mal etwas Neues im Alltag. Verändern Sie Ihren tagtäglichen Mikrokosmos. Wie wäre es, wenn Sie sich Elemente von New Work in Ihren Alltag einbauen? Ihr persönliches „New Work für mich“ sozusagen.

Denn klar – die komplette Unternehmenskultur auf links drehen – das obliegt nicht unbedingt der einzelnen Mitarbeiterin oder dem einzelnen Mitarbeiter. Logisch können Sie nicht gleich die Führungskultur des Unternehmens revolutionieren. Es sei denn, Sie sind CEO oder Geschäftsführer*in – aber selbst dann ist der Alleingang kaum möglich.

Auf vielen Konferenzen und Gesprächen zum Thema habe ich neben vielen großen Konzepten und auch vielen kleinen Impulsen, Ideen und Inspirationen mitgenommen, wie ich als Einzelner meine Arbeitswelt im Kleinen aktiv verändern und mitgestalten kann. Insbesondere geht es dabei stets um die verschiedenen Facetten persönlichen Lernens: Forschen, Beobachten, Fragen, Reden, Handeln. Hier sind 15 dieser kleinen New Work-Impulse und Inspirationen in kurzen, knackigen Sätzen:

15 New Work Life Hacks für die berufliche Positionierung

  1. Fragen ist hilfreich, um die Perspektive zu wechseln und daraus zu lernen (Bonus: Das Stellen offener Fragen erhöht den Erkenntnisgewinn).
  2. Fragen Sie sich selbst: „Was will ich wirklich, wirklich tun?“ Global, galaktisch, wie speziell, aktuell.
  3. Stellen Sie sich selbst doch mal am Morgen die Frage: „Was möchte ich heute wirklich, wirklich tun?“ Operativ und direkt umsetzbar (und tun Sie es).
  4. Fragen Sie die neue Kollegin nach ihrer Perspektive – weshalb ist sie zu Ihnen gestoßen, was möchte sie wirklich, wirklich tun?
  5. Fragen Sie doch mal Chefinnen und Chefs: „Wenn Sie so wollten, wie Sie könnten: Was würden Sie wirklich, wirklich tun?“
  6. Fragen Sie Menschen aus Ihrem privaten Umfeld, was ihnen beruflich Freude macht, was sie wirklich, wirklich tun möchten.
  7. Suchen Sie nach Menschen, die bereits das tun, was Sie tun möchten. Gehen Sie mit diesen Systematisch Kaffeetrinken und rotten Sie sich mit ihnen zu Teams zusammen, innerbetrieblich oder überbetrieblich. Und stellen sich gegenseitig Fragen, was sie wirklich, wirklich tun möchten und tauschen sich aus.
  8. Suchen Sie nach Menschen, die Freude, Glück und Zufriedenheit in Ihrem beruflichen Alltag erleben. Was machen diese? Warum sind sie freudig, glücklich und/oder zufrieden?
  9. Lassen Sie sich von der Freude, dem Glück und der Zufriedenheit anderer inspirieren.
  10. Machen Sie doch einfach selbst mal etwas „New“ bei Ihrer „Work“. Wechseln Sie die Perspektive und probieren mal was Anderes. Zum Beispiel:
  11. Verändern Sie die Perspektive und setzen sich mal auf den Platz eines Kunden, einer Kollegin oder gar des Chefs.
  12. Wie wäre es mit Aufgabentausch? Hospitieren Sie bei Kolleg*innen, die das tun, was Sie wirklich, wirklich tun möchten oder tauschen mal für einen Tag die Rollen?
  13. Fahren Sie mal eine andere Strecke zum Büro und beobachten Ihr Umfeld. Oder Sie fahren gar mal mit dem Rad, mit der Bahn, mit dem Auto, mit einem anderen Verkehrsmittel als sonst.
  14. Räumen Sie an Ihrem Arbeitsplatz gezielt etwas um. Verrücken Sie Möbel, hängen Sie Bilder um oder arbeiten Sie im Stehen oder Sitzen.
  15. Arbeiten Sie vielleicht mal auswärts, vielleicht nur in einem anderen Raum oder gar in einem Café oder gar zu Hause, um einen anderen Blickwinkel zu erfahren.

New Work-Links zum Weiterforschen und Vertiefen

Hier bei uns im Blog haben wir uns in verschiedenen Beiträgen dem Thema New Work gewidmet. Zum Beispiel gaben uns die New Work-Experti*innen Anna und Nils Schnell in einem Interview anknüpfend an ihr Buch „New Work Hacks“ praktische Tipps und Tricks auch für Jobsuchende. Wir berichteten von verschiedenen Veranstaltungen wie dem Work Smart Experience Day und auch weitere Beiträge befassen sich mit New Work in Corona-Zeiten und der Abgrenzung des New Work-Ansatzes zu Konzepten wie Arbeiten 4.0.

Außerdem gibt es vielfältige Ausgangspunkte und Links für die weitere New Work-Recherche im Internet, lassen Sie sich einfach treiben:


 


 

 

 

 

 

Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Unsere Artikel werden verfasst von unserem Redaktionsteam bestehend aus Angela Borin, Lars Hahn und Martin Salwiczek.

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Foto Lars Hahn

Autor

Lars Hahn

ist Geschäftsführer der LVQ und Entdecker von Systematisch Kaffeetrinken. Er schreibt über Entwicklungen der Arbeitswelt, gibt wertvolle Tipps und führt spannende Interviews zu den Themen Karriere, Jobsuche und Weiterbildung.