„Arbeitswelt und Weiterbildung“. Ein Gespräch mit Karriereexpertin Svenja Hofert

Svenja Hofert - Arbeitswelt und WeiterbildungSvenja Hofert ist Expertin für neue Karrieren und Autorin vieler erfolgreicher Bücher (u.a. „Meine 100 Tools für Coaching und Beratung“). Jede Woche veröffentlicht sie online vielgelesene Artikel in ihrem „Magazin für Karriere und Zukunft“, zu deren regelmäßigen Lesern wir gehören. Sie ist außerdem Gründerin des erfolgreichen Netzwerks „Karriereexperten“, in dem die LVQ Mitglied der ersten Stunde ist.
Am Rande einer Tagung hatte ich beim Kaffee die Gelegenheit zum Gespräch mit Svenja Hofert. Wir sprachen unter anderem über Zukunftstrends des Arbeitsmarkts und die Bedeutung von Weiterbildung für die Karriere.

Lars Hahn: Hallo, Svenja Hofert – sag uns doch zuerst einmal: Wie kommst Du an die vielen Ideen für Deine Artikel?

Svenja Hofert: Die kommen alle aus der Praxis, manche Anregung kommt auch aus einem meiner Lieblingsmagazine, dem Harvard Business Manager! Sonst gilt ausprobieren, lesen, mixen von Ideen, mit vielen Menschen sprechen. Was hat funktioniert bei meinen Kunden?
Ich denke Ideen weiter: Was kommt in Zukunft? Was kommt als Nächstes?
Und vor allem immer wieder: Wo liegen gängige Einschätzungen vielleicht daneben? Was kann man auch anders denken?

DEN Fachkräftemangel gibt es nicht

Lars Hahn: Wie beurteilst Du die Diskussion über den Fachkräftemangel?

Svenja Hofert: Das ist ein angeblicher Fachkräftemangel. Generalisiert von Fachkräftemangel zu sprechen, das halte ich für eine Fehlaussage. DEN Arbeitsmarkt gibt es nicht. Und auch nicht DEN Fachkräftemangel. Es gibt unendlich viele Arbeitswelten und die haben relativ wenig miteinander zu tun. Die sind regional verschieden, branchenspezifisch unterschiedlich, und sie sind auch qualifikationsspezifisch wie Erde und Pluto.

Lars Hahn: Aber es gibt doch Berufe, die total gesucht sind, und wo es keine Fachkräfte mehr zu geben scheint?

Svenja Hofert: Wenn Du Dir die sogenannten Engpassberufe anschaust, sind das wirklich Berufe, die eine Zukunft haben? Oder sind es nicht viel mehr Berufe, für die man grad im Moment viele Mitarbeiter braucht? Oder haben sogenannte Mangelberufe wie Bäcker oder Altenpfleger in der heutigen Form etwa eine Zukunft? Manchmal ist der Fachkräftemangel auch eine Frage von fehlender Wertschätzung und Bezahlung des jeweiligen Berufs.

Und auf der anderen Seite: Ich merke, dass eine Menge Leute große Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden, das ist im Bereich Marketing so, im Bereich Personal. Die schreiben 100 Bewerbungen und freuen sich über 2, 3 Einladungen. Führungskräfte in einigen Finanzbereichen: ganz, ganz schwierig. Überhaupt Leute mit mehr als sechs Jahren, es sei denn in Boombereichen wie E-Commerce. Der Mangel wird von den Arbeitgebern herbeigeredet, die einfach nur wollen, dass sie Mitarbeiter quasi fertig bekommen. Dass die zunehmende Segmentierung von Branchen auch zu immer mehr Spezialwissen führt und dieses im Endeffekt bei Verlust des Arbeitsplatzes zu einem Branchenwechsel, sieht keiner. Man will die Leute fertig. Das ist das wahre Problem.

Tipp: Analyse der eigenen Arbeitswelt

Lars Hahn: Du sprichst von verschiedenen Arbeitswelten. Wie soll denn da einer durchsteigen?

Svenja Hofert: Erst mal die eigene Arbeitswelt analysieren und schauen, wie wird sich diese vermutlich entwickeln und sich fragen: was könnte der nächste Schritt sein, der nötig wäre, um gut aufgestellt zu sein, wenn meine Branche zusammenkracht. Die Branchenabhängigkeit ist bei vielen Menschen sehr stark und nach einigen Jahren wird es schwierig. Selbst im Bereich Controlling, dieses Jahr ist es hier etwas schwieriger geworden, ist es sinnvoll zu schauen, wie kann ich branchenunabhängiger werden? Welche Zusatzqualifikationen erwerben? Ich könnte mir die Frage stellen: Wie kann ich mich so qualifizieren, dass ich in einem Bereich Chancen hab, der in 5 Jahren mehr Potential bieten könnte, als meiner?

Branchenwechsel ist möglich

Lars Hahn: Also ein Branchenwechsel oder Quereinstieg geht?

Svenja Hofert: Schritt für Schritt. Die meisten sind nur bereit, mutige Schritte zu gehen, wenn es so richtig drückt. Meistens sind es eher die kleine Schritte, weil Veränderung sehr oft mit Gehaltseinbußen einhergeht. Wenn ich z.B. als ehemals angestellter und tarifbezahlter Journalist in die Online-Branche wechseln will, kann es sein, dass ich erst mal ganz kleine Brötchen backen muss. Manchmal dauert gerade für Hochqualifizierte die Suche besonders lange, da gehen zwei Jahre der Suche schnell hin. Und einen Anspruch auf Arbeitslosengeld II haben die meistens nicht. Die leben dann aus der Substanz, aus ihren Rücklagen. Kürzlich betreute ich einen Doppel-Master im Finanzbereich, der seit zwei Jahren sucht.  Apropos Fachkräftemangel. Lag daran, dass seine Qualifikationen nie 100% passten.

Lars Hahn: Und dann ist die passende Frage an Svenja Hofert: Was mache ich, wenn ich überqualifiziert bin.

Svenja Hofert: Da haben die Firmen oft recht, wenn sie vorsichtig sind, weil sich die entsprechenden Mitarbeiter oft schnell unterfordert fühlen könnten. Es wird immer viel geredet von der Arbeitswelt der Zukunft und dass wir nun alle studiert sein müssen – nur dass das auch zur Folge hat, dass diese herbeigerufenen Akademiker adäquate Aufgaben suchen, wird vergessen. Manchmal gebe ich den Rat sich privat etwas aufzubauen und dort Befriedigung zu finden und den Job „Job“ sein zu lassen. Das Private kann in einigen Jahren zu einem Hauptjob werden. So wie bei der Medienfrau, die nun als Köchin arbeitet und bald ein Restaurant aufmacht.

Lars Hahn: Und was mache ich dann? Es wird ja in den neuen Arbeitswelten zukünftig immer öfter mal vorkommen, dass Karrieren nicht nur steil aufwärts gehen. Möglicherweise will ich ja auch gar nicht immer stärker aufsteigen, weil ich so lange Gas gegeben hab und vielleicht mal zurückschalten möchte.

Svenja Hofert: Da gibt‘s einige, die das ernsthaft wollen. Das muss in Zukunft viel leichter möglich sein. Mal 10 Jahre Führungskraft und dann wieder Fach – warum nicht? Derzeit praktisch aber noch sehr schwer umsetzbar, es ist noch alles auf Aufstieg programmiert.

Weiterbildung einmal jährlich

Lars Hahn: Stichwort Weiterbildung, Du bist ein Fan von Weiterbildung. Das ist ja bekannt, wir hatten ja bereits das Gespräch zum Bildungsburger. Wann sollte Deiner Meinung nach jemand über eine Weiterbildung nachdenken?

Svenja Hofert: Ich rate allen einmal jährlich zu schauen: Was habe ich, was haben andere, wo fehlt es? Wo müsste ich was nachlegen? Der Supply Chain Manager entdeckt dann SAP, der Marketingfachmann Social Media. Es könnten auch weiche Themen sein, die sind oft am erfolgrelevantesten: Konfliktmanagement, Präsentation, Kommunikation etc. Ich glaube, wenn jemand einmal im Jahr prüft, wo er sich qualifizieren sollte, dann kann er nichts falsch machen. Weil er dann auch automatisch schaut: Was machen die anderen, wie entwickelt sich meine Branche? Auch Zertifikate werden immer wichtiger, z. B. im IT-Bereich. Autodidakt sein und Praxiserfahrung reicht eben nicht mehr.

Zeit der Jobsuche für Weiterbildung nutzen

Lars Hahn: Quasi, die individuelle Bildungsplanung einmal im Jahr?

Svenja Hofert: Ja genau. So kann man das nennen. Und man kann natürlich die Zeit zwischen zwei Jobs nutzen, Weiterbildung während der Arbeitslosigkeit kann nicht nur das Profil schärfen. Es ist einfach auch eine gute Zeit, sich für die Zukunft zu rüsten.

Lars Hahn: Also nicht auf den Chef warten, bis er eine Weiterbildung empfiehlt?

Svenja Hofert: Der Chef hat im Zweifel gar kein Interesse daran, dass sich Mitarbeiter weiterbilden. Gut qualifizierte Mitarbeiter können ja auch gefährlich sein. Man kann in XING analysieren, welche Qualifikationen Mitbewerber im Markt haben, was es an Weiterbildungen gibt, was andere in meiner Branche tun.

Lars Hahn: Du meinst: Eine Bildungsmöglichkeiten-Analyse in XING oder LinkedIN?

Svenja Hofert: Ja, dort sehe ich mehr als in Weiterbildungsdatenbanken oder Google. Auf die Qualifikationen von Menschen zu schauen, die das tun, was ich tun möchte, ist wirklich erhellend.

Social Media für die Jobsuche nutzen

Lars Hahn: Stichwort XING, LinkedIn, Social Media. Wofür würdest du Social Media einsetzen bei der Jobsuche?

Svenja Hofert: Kommt drauf an, ob kurzfristig, mittelfristig, langfristig.

  • Langfristig: Für den Kontaktaufbau und für tragfähige Netzwerke
  • Mittelfristig zum Forschen: Wie kann ich Kontakt aufnehmen? Wie kann ich mich besser positionieren?
  • Kurzfristig: Nur wenn ich bereits Kontakte habe –  als Adressbuch. Mit einem guten Profil gefunden werde ich nur in bestimmten Branchen. Die Headhuntermitgliedschaft bei Xing ist günstiger, hier sind auch kleinere unterwegs.

Lars Hahn: Abschlussfrage: Was rätst du jemandem, der 300 Bewerbungen geschrieben hat?

Svenja Hofert: Wenn ich so etwas sehe, ist da immer etwas, das nicht stimmt: Auswahl der Stellen, Profil (Kenntnisse und/oder Abschlüsse fehlen), Gehaltsvorstellung oder Aufbereitung der Unterlagen. Manchmal muss man auch seine Region  verlassen, um Ziele zu erreichen, weil das Jobangebot in Essen ein ganz anderes ist als in München. Das bedenken viele nicht. Im Zweifel lohnt sich da immer professionelle Hilfe von wirklich guten Karriereberatern.

Lars Hahn: Svenja, vielen Dank für das Gespräch!

 

Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Hier schreiben Lars Hahn, Martin Salwiczek und Gastautoren.

Die LVQ Weiterbildung gGmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Präsenzunterricht mit Dozenten aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.

Das Angebot der LVQ Business Akademie richtet sich an Berufstätige und umfasst die Vermittlung fachspezifischer Themen aus dem gesetzlich geregelten Bereich. Inhouse-Seminare, Beratung und Schulungen für Unternehmen runden das Angebot der LVQ ab.

Wenn Sie Fragen zu unserem Angebot oder Interesse an einer Beratung haben, rufen Sie uns einfach an!

(c) Foto: Christine Lutz

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