Wer sich derzeit mit Jobsuche, Bewerbung und Arbeitswelt beschäftigt und sich medial dazu aufschlaut, könnte schnell verzagen. Besonders für Berufseinsteiger*innen sowie Seniors zwischen zwei Jobs sieht der Arbeitsmarkt aktuell eher trist aus. Insgesamt bläst Bewerber*innen ein kräftiger Wind entgegen.
Sind die Zeiten vorbei, in denen der allseits beschworene Fachkräftemangel Arbeitgeber zu New-Work-Wettkämpfen um die besten Talente zwang? Es scheint so, denn in vielen krisengeplagten Unternehmen bestimmt derzeit vor allem Effizienz das Geschehen. Da können Sinnstiftung und New Work schon einmal unter die Räder kommen. Der Druck durch neue Entwicklungsschübe in der künstlichen Intelligenz wächst zunehmend. Und nun tauchen auch noch humanoide Roboter in Branchen auf, die sich bislang relativ krisensicher schienen – etwa im Handwerk oder in der Pflege.
In diesem Beitrag widme ich mich bewusst diesen auf den ersten Blick erdrückenden Trends – und gleichzeitig schauen wir darauf, welche Chancen und Wege sich daraus für Bewerber*innen ergeben können.
Trend 1: New Work ist tot – es lebe die Effizienz
„New Work ist tot!“ lautet der Titel der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift t3n, lange Zeit so etwas wie das Sprachorgan der digitalen New-Work-Szene. Ausgerechnet dort. Schließlich konnte man im Umfeld dieses durchaus meinungsbildenden Magazins viele Trends des modernen Arbeitens beobachten: Agile Teamstrukturen, Führung auf Augenhöhe oder die Idee der digitalen Nomaden. Vom mobilen Arbeiten wusste t3n schon lange vor Corona.
Doch ein Blick zurück lohnt sich: Die ursprüngliche New-Work-Idee des Philosophen Frithjof Bergmann zielte auf eine Abkehr von klassischer Lohnarbeit hin zu sinnstiftender Tätigkeit. Menschen sollten sich mit der Frage beschäftigen, was sie „wirklich, wirklich, wirklich tun wollen“.
Der New-Work-Boom der vergangenen zehn Jahre hingegen war stark geprägt von schicken Büromöbeln, Obstkörben, Kickertischen, neuen Raum- und Zeitkonzepten sowie vielfältigen Führungsmodellen, in denen Augenhöhe und Partizipation zumindest postuliert wurden.
Schon gegen Ende der Pandemie setzte jedoch vielerorts Ernüchterung in Sachen New Work ein: Homeoffice hat Grenzen, wirtschaftliche Zwänge kehren zurück und plötzlich rückt wieder stärker die Effizienz in den Mittelpunkt.
TIPP 1: Frage dich, was jetzt wirklich, wirklich, wirklich wichtig ist.
Was aber bleibt, ist die Frage nach dem Sinn der Arbeit. Auch 2026 wünschen sich viele Jobsuchende eine Tätigkeit, in der sie etwas Sinnvolles tun können. Gleichzeitig spielen die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die Bezahlung und der Arbeitsort eine wichtige Rolle. Gerade in unsicheren Zeiten lohnt es sich aus meiner Sicht daher, sich selbst zu fragen:
- „Was ist mir wirklich, wirklich wichtig an meinem nächsten Job?“
- Dabei muss dies nicht immer die Sinnfrage sein, wenn nämlich familiäre oder monetäre Aspekte gerade den Engpass bei der Jobsuche stellen.
Trend 2: Aktueller Arbeitsmarkt – Druck auf dem Kessel für Juniors und Seniors
Aktuell wird intensiv diskutiert, ob die zunehmende Nutzung von künstlicher Intelligenz bestimmte – oft hoch qualifizierte – Einstiegsjobs überflüssig macht oder zumindest reduziert. Denn wer derzeit sein Studium abschließt, hat auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Karten als noch vor wenigen Jahren. Besonders häufig genannt werden Junior-Positionen in Unternehmensberatungen, Wirtschaftsprüfungskanzleien, Marketingagenturen sowie Architektur- und Ingenieurbüros. Doch auch wer über 50 ist und derzeit eine neue Stelle sucht, merkt schnell, dass die Jobsuche schwieriger geworden ist.
Aber woran liegt das wirklich? Ist es bereits flächendeckend die KI, die den Berufseinstieg erschwert? Oder spielt nicht auch der derzeit eher träge Arbeitsmarkt eine große Rolle? Meine These lautet: Die besonders Jungen und die Älteren leiden in Arbeitsmarktkrisen traditionell am stärksten. Warum? Weil in unsicheren Zeiten viele etablierte Beschäftigte auf ihren Stellen sitzen bleiben, habe es die Jungen schwer. Wer einen sicheren Job hat, wechselt weniger. Dadurch entsteht weniger Bewegung am Arbeitsmarkt – und genau das macht ihn so zäh. Die Älteren sind ohnehin immer leidgeprüft, wenn die Unternehmen beim Personal sparen.
Aktuell haben wir über 3.000.000 Arbeitslose in Deutschland, eine Zahl, die vor wenigen Jahren kaum jemand erwartet hätte, hatten wir doch 2022 mit 2,42 Millionen und fallender Tendenz die 2.000.000 vor Augen. Der Grund dafür ist nicht allein die KI. Vielmehr kämpft insbesondere die deutsche Industrie derzeit mit Innovation und Erneuerung. Der IAB-Arbeitsmarktforscher Enzo Weber spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer „Erneuerungskrise“. Auch das aktuelle Arbeitsmarktbarometer des IAB lässt vermuten, dass diese Phase noch eine Weile anhalten könnte.
Hinzu kommt ein weiteres Phänomen: Spätestens mit der Möglichkeit von One-Click-Bewerbungen und dem Einsatz von KI werden Bewerbungen zur „digitalen Massendrucksache“. Oder wie im aktuellen Personalmagazin beschrieben: „Das Resultat ist eine strukturelle Überproduktion, eine Hyperinflation von Bewerbungen. Die Zahl der Bewerbenden und der Bewerbungen entkoppelt sich faktisch.“
Dadurch wird auch eine gute, passende Bewerbung bei aller Qualität und Professionalität schnell übersehen, weil ja immer mehr gute und scheinbar passende hinzukommen. Der Wettbewerb im aktuell engen offenen Stellenmarkt wird umso härter.
TIPP 2: Alternativen zum engen offenen Stellenmarkt nutzen.
Ist die Lage am Arbeitsmarkt für Menschen zwischen zwei Jobs aktuell also eher hoffnungslos? Nein, aber der offene Stellenmarkt ist derzeit schwierig; die Zahl der offenen Stellen sinkt drastisch und so steigt die Anzahl der Bewerber*innen pro Stelle.
Viel interessanter wird daher die Aussicht auf den verdeckten Stellenmarkt. Dieser erlebt gerade einmal mehr einen neuen Frühling. Sogar Personalberatungen auf LinkedIn werben dafür. Wir nennen das seit langem Systematisch Kaffeetrinken und raten zur Jobsuche im verdeckten Stellenmarkt via Kontakte, Vernetzung, Gespräche und Kaffeetrinken bei LinkedIn oder XING sowie in Präsenz auf Jobmessen und Karrieretagen.
Trend 3: Neue Arbeitswelt? Future Skills, rent a human und humanoide Roboter
Gerade veröffentlicht Linkedin unter dem Hashtag #SkillsOnTheRise eine Studie mit den wichtigsten Future-Skills, die sie durch eine Analyse der Daten aller Mitglieder erhoben haben. Dabei stellen sie fest:
„Arbeitgeber bewerten Kandidat:innen immer seltener nur danach, wo sie vorher gearbeitet oder studiert haben, sondern nach ihren tatsächlichen Fähigkeiten.“
Spannend ist bei der Auflistung die Mischung aus offensichtlich wichtigen Kompetenzen aufgrund der technologischen Transformation und fast klassischen Evergreen-Softskills. Interessant ist auch deren genannte Reihenfolge:
- KI-Kompetenz
- Data-Kompetenz
- Cloud-Infrastruktur-Kompetenz
- Engineering (vor allem Software)
- Projekt- und Produktmanagement
- Prozessoptimierung
- Businessstrategie und Geschäftsentwicklung
- Sales und Customer Relations
- Zusammenarbeit und Kommunikation
- Contententwicklung und -strategie
Nicht nur bei Indeed, LinkedIn-Jobs oder XING werden Skills gegenüber den Jobtiteln in den Stellenanzeigen immer wichtiger. Zwischenzeitlich gibt es mit rentahuman.ai eine Plattform für KI-Roboter, auf der KI-Agenten menschliche Arbeitskräfte für bestimmte Aufgaben anheuern können. ARD-KI-Podcast-Moderator Fritz Espenlaub arbeitete zwischenzeitlich testweise im Auftrag einer KI. Hier schildert er seine skurrilen Erfahrungen.
Und schließlich ist seit diesem Jahr öffentlich, dass bald auch humanoide Roboter unsere Jobs übernehmen können. Mich hat die entsprechende Podcastfolge von „Tech. KI und Schmetterlinge“ von Sascha Lobo diesbezüglich nicht nur überzeugt, sondern aktuell auch ein wenig sprachlos und nachdenklich gemacht. Sascha Lobo berichtet in der Folge mit dem bezeichnenden Titel „Der supergruselige Fortschritt Humanoider Roboter (Deep Dive)“ von seinem Aha-Erlebnis, während er das Video einer Tanz-Choreografie von humanoiden Robotern aus dem chinesischen TV sah.
Die martialische Choreo des gemischten Roboter-Mensch-Ballets veranlasst nicht nur Sascha Lobo zum Grübeln darüber, welche Auswirkungen humanoide Roboter demnächst auf die Arbeitswelt haben werden. Humanoide Roboter werden sich gerade dort durchsetzen, wo man sich bisher davor gefeit fühlte, dass KI den Job übernimmt: im Handwerk, in der Pflege und in der Gastronomie. Denn die Roboter seien „KI mit Hand und Fuß“, so Lobo.
TIPP 3: Jetzt ist eine gute Zeit für Qualifizierung.
Übernehmen also Roboter und die KI all unsere Jobs? Mein Credo lautet auch hier: „Nicht KI wird unsere Jobs übernehmen, sondern Menschen, die sich mit KI auskennen.“
Bestehende Kompetenzen zu erweitern macht gerade mehr Sinn denn je. Dabei beinhaltet das Thema Weiterbildung für mich persönlich immer zwei Stränge, die du verfolgen kannst:
- Informelles Lernen durch Arbeitsmarkt- und Branchenbeobachtung: Lies, was sich in deinem Feld bei LinkedIn und Co. gerade tut.
- Besuchen von formellen Trainings und Kursen: Die bereits erwähnte LinkedIn-Skill-Liste etwa zeigt Themen auf, für die sich eine Weiterbildung eignen könnte. Wie wäre es mit einem Kurs in KI-Management oder einem Update in Projekt-, Prozess- oder Produktmanagement?
Fazit: Arbeitswelt im Sturm, aber mit neuen Perspektiven
Die positive Nachricht zuerst: Auch wenn derzeit viele Schlagzeilen düster bis dystopisch klingen, bricht die Arbeitswelt nicht zusammen. Sie verändert sich. Zugegebenermaßen stürmisch und in Wellenbewegungen, wie ich hier kürzlich schrieb.
Der Arbeitsmarkt ist aktuell unberechenbar und schwierig. Unternehmen schauen stärker auf Effizienz, der offene Stellenmarkt wirkt zäh und technologische Entwicklungen wie KI und humanoide Roboter sorgen für zusätzliche Verunsicherung.
Aber gleichzeitig entstehen auch neue Möglichkeiten. Denn in einer Phase der Transformation zählen weniger starre Lebensläufe und immer stärker die konkreten Fähigkeiten, die Lernbereitschaft und informelle digitale und analoge Vernetzung.
Für Menschen zwischen zwei Jobs bietet sich dadurch eine Chance. Wer jetzt neugierig bleibt, Kontakte pflegt, Trends beobachtet und gezielt in seine Kompetenzen investiert, hat gute Karten, beruflich durchzustarten.






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