Hast du gute Beziehungen? Kaum einer traut sich, diese Frage zu bejahen. Kein Wunder, gelten doch Connections und Vitamin B, also Beziehungen dieserart, in unseren Breiten eher als anrüchig. Für viele Menschen hat das den Beigeschmack von Klüngel, Protektion oder gar Bestechung. Und das will ja schließlich keiner. Oder?
Notfall-Netzwerken bei Jobverlust – funktioniert!
Hast du ein brauchbares berufliches Netzwerk? Diese Frage beantworten bereits mehr Menschen mit Ja. Auch du? Schließlich hat es sich herumgesprochen, dass ein berufliches oder gar privates Netzwerk sehr hilfreich sein kann. Einen Babysitter oder einen Lernpartner würdest du beispielsweise kaum über eine Kleinanzeige besorgen. Da fragst du wie viele andere doch eher unter Bekannten, ob sie jemanden kennen. Ein klassischer Fall fürs Netzwerk.
Das Dumme an solchen Netzwerken ist: Die meisten erinnern sich erst dann an sie, wenn sie diese akut benötigen. So ist das auch, wenn plötzlich Arbeitslosigkeit eintritt. Zum Beispiel durch ...
… Stellenstreichung aufgrund von KI-Transformation,
… betriebsbedingte Kündigung aufgrund Auftragsmangel,
… plötzliche Pleite des Arbeitgebers,
... vorzeitiges Ende der Probezeit oder
... einen neuen Chef mit ganz anderen Vorstellungen.
Wenn sie sich dann in der Transferphase zwischen zwei Jobs wiederfinden, merken so manche, dass die klassische Bewerbung nicht immer funktioniert – oder zu lange dauert.
Wie gut, dass es auch den verdeckten Stellenmarkt gibt! Wir erinnern uns: Der verdeckte Stellenmarkt beinhaltet all jene Stellen, die nicht über Anzeigen, Jobportale oder Karrierewebseiten vergeben werden – ein großer Anteil des Stellenmarktes. Oft werden Stellen über Mitarbeiterempfehlungen, berufliche Netzwerke wie Verbände oder persönliche Kontakte und Empfehlungen besetzt. Dieser verdeckte Arbeitsmarkt ist deine Chance, Zugang zu einer größeren Anzahl von Stellen zu erhalten – und dies gelingt meist nur über das eigene Netzwerk.
Jeder hat ein Netzwerk
Ich habe kein Netzwerk! Nun brauchst du gerade dringend einen Job und du hast gar kein berufliches oder persönliches Netzwerk? Falsch, denn wirklich jede*r hat ein Netzwerk! Das gilt für berufliche Einsteiger*innen ebenso wie für lebenserfahrene Ü50er.
Bisweilen ist es nur sehr unbewusst und leidlich gepflegt. Erst im Notfall, wie bei der plötzlichen Arbeitslosigkeit, erinnerst du dich daran. Denn im bisherigen Job hast du ein systematisches Netzwerk möglicherweise gar nicht gebraucht, geschweige denn bewusst aufgebaut.
Bei Dringlichkeit – wie im Fall der Arbeitslosigkeit – gilt es, sich das bestehende Netzwerk bewusst zu machen, es auf- und auszubauen, zu pflegen und möglichst die Kontakte zu finden, die einem gerne weiterhelfen würden.
Das Beste ist: Du musst dich nicht auf Cocktailpartys oder Businessevents rumtreiben, um dein Netzwerk zu aktivieren. Du kannst einfach bestehende und vorhandene Kontakte auffrischen und pflegen – seien dies (ehemalige) Schul-, Studien- oder Ausbildungskontakte, Weiterbildungsmitstreiter*innen, Bekannte und Freunde oder ehemalige Arbeitskolleg*innen und Vorgesetzte. Das reicht schon. Du wirst auf Menschen treffen, die du magst. Vielleicht ist unter ihnen ja einer, der dich für eine Arbeitsstelle empfiehlt.
5 Tipps für die Netzwerkpflege im Notfall
- Mach dir im Akutfall eine schriftliche Liste aller Menschen, die dir beruflich und persönlich in den vergangenen Jahren begegnet sind. Eine ausführliche Liste aller Menschen. Wirklich aller. Kunden, Kolleg*innen, Chef*innen, Mitarbeitende, Lieferant*innen, Kommiliton*innen im Studium, Mitschüler*innen im Leistungskurs (Abi-Jubiläen sind bisweilen gute Jobbörsen). Schreib alle Menschen auf deine Liste (auch die doofen). Prüf dann, wo die Menschen heute beruflich sind, und entscheide, wen du jetzt gerne auf einen Kaffee treffen würdest (Kriterien: sympathisch und beruflich interessant).
- Gehe „systematisch Kaffeetrinken“ mit Menschen, die dir wohlgesonnen sind, die dich beruflich weiterbringen könnten oder die du besonders nett findest. Führe also informelle Gespräche. Dabei kann heutzutage das Kaffeetrinken natürlich auch virtuell passieren.
- Befrage die Menschen, die dort arbeiten, wo du gerne hinmöchtest, nach ihren Erfahrungen. Wie läuft ihr Arbeitsalltag, was gefällt ihnen, wo gibt es Trends und Bedarfe? Forsche in deinem Themenfeld und deiner Branche und führe dort Gespräche.
- Verbinde dich systematisch und nachhaltig mit deinen Kontakten.LinkedIn als berufliches Netzwerk oder sogar das gute alte XING als Jobs-Netzwerk sind dafür hilfreich. Besonders wichtig ist deren Recherche-Feature: Dort findest du sogar neue berufliche Kontakte, die zu dir passen. Alte Freunde findest du hingegen nach wie vor oft in WhatsApp-Gruppen, bei Instagram oder Facebook. In all diesen sozialen Netzwerken profitierst du vom Kennst du einen, der einen kennt-Prinzip, also von Kontakten zweiten Grades.
- Absolviere eine fachlich sinnvolle, berufliche Weiterbildung in der Zeit zwischen zwei Jobs. Die berufliche Auszeit ist dafür prädestiniert: Bildungszeit, die durch den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit zu 100 Prozent finanziert wird! Nutze deshalb diese Zeit dafür und vernetze dich mit gleichgesinnten Teilnehmer*innen sowie Dozent*innen. Bei uns in der LVQ lernst du in deiner Weiterbildung durchschnittlich 50 neue Menschen kennen, die alle ähnliche berufliche Ziele verfolgen. Mitunter passiert es sogar, dass Absolvent*innen beim Antritt einer neuen Stelle eine*n weitere*n Kursteilnehmer*in auf den Plan rufen und am Ende nicht ein, sondern gleich zwei Alumni vermittelt werden. Du wirst überrascht sein, wie viel Jobpotenzial sich in einer beruflichen Weiterbildung finden lässt.
Netzwerken ist für jeden
Immer noch entgegnen manche, dass ausgerechnet für sie das Mittel des Netzwerkens ungeeignet sei. Da gibt es das Klischee des Netzwerkens von extrovertierten Menschen auf Cocktailpartys. Manche halten Netzwerken gar für anrüchig. Andere behaupten dagegen, dass Netzwerken bei ihnen nicht funktioniere, weil sie zurückhaltend oder lieber für sich allein seien. Wir entzaubern einige typische Vorurteile gegen aktives Netzwerken:
Netzwerken ist nur was für Kommunikative!
Wenn du eher zurückhaltend und fachlich kommunizierst: Such Fachleute auf und führe Fachgespräche. Recherchiere und interviewe deine Gesprächspartner*innen. Sie werden gerne reden.
Zeige Neugier und Interesse für die Arbeit oder das Thema des Gegenübers. Hör ihnen zu. Du wirst dabei viel lernen und einen guten Eindruck hinterlassen.
Netzwerken braucht Zeit, ich schreibe lieber Bewerbungen!
Manche Jobsuchende schreiben viele Bewerbungen und haben keine oder nur wenige Vorstellungsgespräche. Manche Bewerber*innen haben viele Vorstellungsgespräche aber immer noch keinen Job. Kann es da schaden, Alternativen zumindest ergänzend auszuprobieren und einen Teil der aufgewendeten Zeit statt in Bewerbung in Gespräche zu investieren? Beispielsweise einfach mit Menschen, die du bereits kennst?
Netzwerken geht nur dort, wo ich mich auskenne
Du glaubst, du kannst nur dort Netzwerken, wo du im Thema bist – dort, wo du mitreden kannst? Mit Bewerbungen kannst du hingegen auch als Quereinsteiger punkten? Umgekehrt wird ein Schuh draus: Menschen, die im Gespräch einen positiven Eindruck von dir als Mensch, als Persönlichkeit, gewonnen haben, werden dich auch dann empfehlen oder gar direkt einstellen, wenn du nicht so ganz auf eine Stelle passt. Bei klassischen Bewerbungsverfahren auf offen ausgeschriebene Stellen hingegen siegt fast immer die fachlich und formal passende Person. Zumal gerade bei großen Unternehmen ja auch so etwas wie die Application Tracking Systems dazukommen, zu denen auch die CV-Parser gehören, die Bewerbungsunterlagen nach relevanten Keywords durchsuchen.
Fazit: Netzwerken beginnt bereits, wenn du systematisch mit netten Menschen aus deinem Umfeld über deine Jobsuche redest und anschließend mit ihnen verbunden bleibst. Aber der wichtigste Geheimtipp: Sich zu vernetzen bedeutet immer auch in Kontakt zu bleiben – auch nach deinen Gesprächen. Vernetze dich also digital (beispielsweise per LinkedIn, Xing oder digitale Visitenkarte).
Notfall-Netzwerken und Zeitdruck
Vielleicht fragst du dich nun: Aber wie lange dauert die Jobsuche über das Netzwerk?
Wie bei geschriebenen Bewerbungen gibt es auch hier keine Masterantwort. Sobald du aber erste Gespräche führst und aktiv dein Netzwerk pflegst und erweiterst, kann es dir prompt passieren, dass dich jemand empfiehlt. Wenn Du nur fünf Gespräche pro Woche – vor Ort oder digital – führst, dann geht es oft zügiger als du denkst und du hast deinen neuen Job schneller als bei jedem klassischen Bewerbungsverfahren. Denn: Eigentlich brauchst du nur das eine Gespräch mit der richtigen Person. Du weißt im Vorfeld nur nicht, welches Gespräch das sein wird.
Netzwerken geht nie wieder weg
Als ich das letzte Mal arbeitslos war, ging es mir ganz genau so: Ich hatte kein bewusstes, brauchbares Netzwerk – glaubte ich. Dank glücklicher Umstände landete ich auf einer inspirierenden Veranstaltung zu diesem Thema. Im Anschluss begann ich damit, meine Kontakte zu reanimieren, systematisch zu pflegen und auszuweiten. Ich nutzte damals™ noch Adressbücher und das Telefon, denn XING steckte noch in den Kinderschuhen. Das war der Beginn von Systematisch Kaffeetrinken.
Auch nach meiner letztlich erfolgreichen Jobsuche pflegte ich dieses Vorgehen weiter bis heute: Denn Netzwerken ist ein hervorragender Ansatz für jeglichen beruflichen Erfolg und persönliche Beziehungen.
Wie ergeht es dir? Welche Erfahrungen hast du mit Netzwerken während deiner Jobsuche gemacht?




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