Für viele Hochschulabsolvent*innen ist der Berufseinstieg gerade in diesen unsicheren Zeiten alles andere als einfach. Deshalb spricht Kay Pfefferkuchen in Folge 25 des LVQ-Podcasts mit Alexandra Habot, Coachin und Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) sowie Organisatorin des Alumni Talks, über:
- typische Sorgen Studierender,
- Missverständnisse rund um den Berufseinstieg,
- den Wert übertragbarer Fähigkeiten und
- die Frage, wie Absolvent*innen trotz Unsicherheit handlungsfähig bleiben.
Eines wird im Gespräch schnell deutlich: Niemand muss am Ende des Studiums schon ‚fertig‘ sein. Berufseinstieg bedeutet nicht, alles zu können. Berufseinstieg bedeutet, loszugehen.
Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch auf einen Blick:
„Was kann ich eigentlich wirklich?“
Der Übergang von der Uni in den Job fühlt sich für viele Absolvent*innen an wie der Sprung ins Ungewisse. Eben noch Seminarraum, Hausarbeit, Credit Points – plötzlich geht es um Stellenanzeigen, Bewerbungen und die Fragen: Was kann ich eigentlich wirklich? Und wie übersetze ich das theoretisch Erlernte in die Arbeitswelt?

Genau hier setzt der Alumni Talk an, den Alexandra Habot seit 2018 jedes Semester organisiert. Ehemalige Studierende berichten dort von ihrem Weg aus der Uni in den Beruf:
- Von ersten Jobs,
- Umwegen,
- Zufällen,
- Entscheidungen und
- Aha-Momenten.
Eine bloße Liste möglicher Berufsfelder reicht nämlich oft nicht, denn viele Jobtitel – Projektmanager*in, Kommunikationsmanager*in oder HR Consultant – klingen eher abstrakt. „Selbst ich weiß dann oft nicht: Was soll das eigentlich sein?“, unterstreicht Alexandra. Für Absolvent*innen bedeutet das: Sie müssen die Arbeitswelt erst einmal lesen lernen. Und das ist kein persönliches Defizit, sondern Teil des Übergangs.
Zukunftsangst ist kein Zeichen von Schwäche
Für diese Podcastfolge hat Alexandra ihren Student*innen vorab einige Fragen gestellt. Eine davon lautete sinngemäß: Was macht der Gedanke an den Berufseinstieg mit dir? Die O-Töne waren ehrlich – und geben einen guten Einblick in die Gefühlswelt der Studierenden:
- Angst vor wirtschaftlicher Unsicherheit
- Sorge vor KI
- Zweifel am eigenen Profil
- das Gefühl eines überfüllten Arbeitsmarkts
- Angst, keinen passenden Job zu finden
- die Sorge, später etwas machen zu müssen, das kaum noch mit dem Studium zu tun hat
Alexandra hört darin vor allem eines: Unsicherheit. „Unsicherheit macht halt Angst“, sagt sie. Und das ist nachvollziehbar. Wer nicht weiß, was nach der Uni kommt und Stellenanzeigen nicht entschlüsseln kann, fühlt sich schnell machtlos. Wichtig ist aber, diese Angst nicht mit Realität zu verwechseln. Auch wenn der Arbeitsmarkt aktuell zäh ist und besonders durch KI verändert wird, folgt daraus nicht, dass Absolvent*innen chancenlos sind.
Du musst nicht zu 100 Prozent fertig sein
Viele Studierende glauben, sie müssten die Uni als komplett fertige Fachkräfte verlassen – mit fertigem Berufsprofil, Skillset und passender Antwort auf jede Frage. Das ist sogar für Berufserfahrene unrealistisch, denn jeder Job erfordert eine neue Einarbeitung in neue Aufgaben, Teams, Tools und Unternehmenskulturen. „Und genau das ist ein Skill, den viele Absolvent*innen mitbringen.“, bekräftigt Alexandra.
An der Uni lernen Studierende:
- neue theoretische Konzepte zu erschließen,
- Texte zu analysieren,
- Zusammenhänge zu verstehen und
- Wissen auf neue Kontexte zu übertragen
Genau diese Transferleistung ist im Berufsleben entscheidend.
Dazu kommen Fähigkeiten, die auf den ersten Blick schwerer zu greifen sind:
- Flexibilität
- Offenheit
- Anpassungsfähigkeit
- analytisches Denken
- interkulturelle Sensibilität
- Reflexionsvermögen
Gerade Geisteswissenschaftler*innen bewegen sich ständig zwischen Perspektiven, Kulturen, Texten und Bedeutungen. Sie lernen, Medien kritisch zu hinterfragen, Tonalitäten zu unterscheiden und Inhalte einzuordnen. Das lässt sich nicht immer einfach in eine Stellenanzeige übersetzen – ist aber in vielen Jobs enorm wertvoll.
Orientierung entsteht durch Erfahrung
Praktika, Nebenjobs, Jobmessen und Gespräche mit Berufstätigen – wie beim Alumni Talk – sind enorm hilfreich. Dadurch erhalten Studierende die oft gewünschten praktischen Einblicke, denn Orientierung entsteht durch Erfahrung. „Als Student hat man nie wirklich frei. Es gibt immer Texte zu lesen, Hausarbeiten zu schreiben, Prüfungen abzulegen.“, meint Kay. Trotzdem plädiert er dafür, die Studienzeit auch zu nutzen, um Dinge auszuprobieren. „Tatsächlich haben viele unserer Studierenden schon Nebenjobs“, sagt Alexandra. „Im Gegensatz zu früher sind das nicht mehr diese traditionellen Studentenjobs wie Kellnern. Stattdessen arbeiten viele auf Teilzeitbasis in Firmen. Und nicht selten werden sie dann auch übernommen, sobald das Studium beendet ist.“
Praktische Erfahrungen helfen nicht nur dem Lebenslauf. Sie helfen vor allem bei der Orientierung, die auch Alexandra im Berufsorientierungsseminar bespricht:
- „Was macht mir Spaß?“
- „Welche Aufgaben liegen mir?“
- „Welche Arbeitsumgebung passt zu mir?“
Wer seine Werte und Stärken besser kennt, bewirbt sich gezielter. Stellenanzeigen können besser eingeordnet und Gespräche klarer geführt werden. Berufseinsteigende können überzeugender erklären, warum sie zu einer Aufgabe passen.
Geisteswissenschaften führen nicht in eine Sackgasse
Ein weiteres Thema im Gespräch: mögliche Berufsfelder. Für Geisteswissenschaftler*innen gibt es nicht den einen vorgezeichneten Weg. Genau das ist manchmal verunsichernd – aber auch eine Chance.
Alexandra nennt Human Resources als ein wichtiges Feld, in dem viele ehemalige Studierende arbeiten, da ein interkulturelles oder kommunikatives Studium den Blick für Menschen schult. Dies kann im Personalwesen sehr wertvoll sein – besonders in internationalen Kontexten. Naheliegend sind außerdem:
- Unternehmenskommunikation
- Content und Redaktion
- PR und Marketing
- Projektarbeit
- Bildungsmanagement
- Erwachsenenbildung
Gerade die Erwachsenenbildung taucht auch im Alumni Talk immer wieder auf. Für Alexandra ist das nicht überraschend: Auch hier geht es darum, Menschen zu begleiten, Inhalte verständlich zu machen, Lernprozesse zu gestalten und Kommunikation bewusst einzusetzen. Der Punkt ist nicht, dass jeder dieser Bereiche automatisch passt, sondern dass ein Studium niemanden festlegt. Es eröffnet Möglichkeiten, wenn Berufseinsteigende lernen, ihre Kompetenzen sichtbar zu machen.
Netzwerke helfen – manchmal überraschend
„Ein Netzwerk aufzubauen ist wirklich wichtig“, sagt Alexandra. „Das kann man gar nicht unterschätzen.“ Dabei entstehen Netzwerke oft früher als man denkt, nämlich über:
- Alumni und Kommilitoninnen,
- Praktika und Kolleginnen,
- LinkedIn,
- Jobmessen und Veranstaltungen oder
- persönliche Empfehlungen.
Kay ergänzt, dass auch Initiativen wie ArbeiterKind oder das Netzwerk Chancen Unterstützung bieten können.
Networking muss dabei nicht unangenehm oder aufgesetzt sein. Es kann mit einer einfachen Nachricht beginnen:
Ich studiere gerade, habe gesehen, dass du in diesem Bereich arbeitest, und würde gern mehr darüber erfahren.
Viele Menschen teilen ihre Erfahrungen gern, wenn man respektvoll und konkret fragt. Dazu kommen Career Services, Campusmessen, Beratungen der Agentur für Arbeit, Bewerbungstrainings, Lebenslaufchecks oder LinkedIn-Profilchecks. Oft gibt es mehr Unterstützung, als Studierende wissen.
Auch das Beispiel einer ehemaligen Studentin aus dem Alumni Talk zeigt, wie Netzwerke wirken können: Sie saß bei Netto an der Kasse, als ihre spätere Chefin auf sie aufmerksam wurde. Der Grund: Sie war freundlich, zugewandt und konnte gut mit Menschen umgehen. Daraus entstand ein Job in einer Werbeagentur.
Oft unterschätzt: die eigenen Stärken
Ein wiederkehrender Gedanke im Gespräch: Viele Menschen unterschätzen das, was ihnen leichtfällt. Alexandra beschreibt es mit einem treffenden Bild: „Man sieht das Wasser nicht, wenn man im Wasser lebt.“ Was wir tagtäglich machen, ist für uns selbstverständlich. Für andere jedoch kann genau das eine besondere Stärke sein.
Das betrifft zum Beispiel:
- Sprachgefühl
- analytisches Denken
- Empathie
- Organisation
- Präsentationsfähigkeit
- Neugier
- Perspektivwechsel
- die Fähigkeit, komplizierte Themen verständlich zu machen
Oft braucht es den Blick von außen, um diese Stärken überhaupt zu erkennen. Freund*innen, Dozent*innen, Kolleg*innen, Mentor*innen oder ehemalige Arbeitgeber*innen können uns spiegeln, was wir besonders gut können. Das heißt nicht, dass du dich größer machen musst, als du bist. Aber du solltest dich auch nicht kleiner machen. Gerade beim Berufseinstieg geht es darum, die eigenen Kompetenzen ernst zu nehmen – auch dann, wenn sie nicht wie ein klarer Berufstitel klingen.
Fazit: die Angst ernst nehmen – und ins Handeln kommen
Am Ende bleibt ein Gedanke besonders hängen: Zukunftsangst verschwindet nicht, wenn sie ignoriert wird. Aber sie wird kleiner, wenn gehandelt wird. Erste Schritte können sein:
- Praktika oder Werkstudentenstellen nutzen,
- persönlich oder via LinkedIn mit Alumni und Berufstätigen sprechen,
- Jobmessen besuchen,
- die eigenen Stärken reflektieren,
- Beratungsangebote und Weiterbildungsmöglichkeiten prüfen und
- Fragen stellen.
Es braucht keinen perfekten Plan, um zu starten, oder eine Garantie, dass der erste Job der Richtige ist. Niemand ist weniger qualifiziert oder chancenlos, weil der Weg nicht linear ist. Der Berufseinstieg ist kein Beweis dafür, fertig zu sein. Er ist der Beginn eines Lernprozesses.
In unserem Podcast geht es um die Phase #ZwischenZweiJobs, also Jobsuche und Berufsorientierung, aber auch um das Thema (geförderte) Weiterbildung und Trends sowie Entwicklungen der Arbeitswelt allgemein.
Wir unterhalten uns mit spannenden Gästen, darunter Karriere-Coaches, Vertreter*innen der Verwaltung und natürlich ehemalige Teilnehmer*innen unserer Weiterbildung.
Natürlich findest du uns auch bei Spotify, Apple Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt (einfach ‚Du bist mehr als dein Lebenslauf‘ oder ‚LVQ‘ ins Suchfeld eingeben). Du hast Fragen, Anregungen oder einen Vorschlag, wovon die nächste Folge handeln sollte? Dann schreib uns! Vielleicht gibt es dann ja bald eine Folge zu deinem Wunschthema ...
Und wenn dir gefällt, was du hörst, empfiehl uns gern weiter! ;-)
Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Unsere Artikel werden verfasst von unserem Redaktionsteam bestehend aus Angela Borin, Lars Hahn und Kay Pfefferkuchen.
Die LVQ Weiterbildung und Beratung GmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Online-Präsenzunterricht mit Dozent*innen aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.
Für Berufstätige bietet die LVQ Business Akademie entsprechende Weiterbildungen. Der Fokus liegt auf der Vermittlung fachspezifischer Themen aus dem gesetzlich geregelten Bereich. Inhouse-Seminare, Beratung und Schulungen für Unternehmen runden das Angebot der LVQ ab.




0 Kommentare
Schreibe einen Kommentar