Was passiert, wenn nach 20 Jahren im selben Betrieb plötzlich Schluss ist? Wenn ein traditionsreiches Werk schließt, fast 2.000 Menschen gehen müssen und die eigene berufliche Zukunft von heute auf morgen neu gedacht werden muss?
Werksschließung, Transfergesellschaft, berufliche Neuorientierung: Darüber spricht Geschäftsführer Lars Hahn mit Absolvent Boris Böhmer sowie Mitarbeiter und Sifa-Lernbegleiter Marian Schmerkötter in Folge 24 des LVQ-Podcasts. Außerdem: Warum die Weiterbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit gerade für erfahrene Fach- und Führungskräfte eine echte Chance sein kann.
Die wichtigsten Inhalte ihres Gesprächs kannst du im Folgenden nachlesen. Wir empfehlen natürlich, die ganze Folge anzuhören:
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„Plötzlich stehst du da und das Licht wird ausgeschaltet.“

Boris Böhmer ist Industriemeister für Elektrotechnik. 20 Jahre lang arbeitete er in einem alten Traditionswerk, den Mannesmann Röhrenwerken, die zuletzt zum französischen Vallourec-Konzern gehörten. Dann kam die Werksschließung. Boris erlebte mit, wie die Produktion heruntergefahren wurde, wie Kolleg*innen nach und nach gingen – und wie am Ende das Licht ausgeschaltet wurde.
„Das war schon ein sehr trauriger Moment“, sagt Boris rückblickend. „Und es ist auch heute noch traurig, wenn ich darüber nachdenke.“
Wo geht meine berufliche Reise hin? ist eine Frage, die die meisten LVQ-Teilnehmer*innen beschäftigt. Besonders drängend wird sie, wenn nicht nur ein einzelner Arbeitsplatz wegfällt, sondern ein ganzer Standort geschlossen wird. Für Boris gestaltete sich der Abschied als längerer Prozess. Mitte September 2023 wurde das letzte Rohr gewalzt, Mitte Dezember 2023 hatte er seinen letzten Arbeitstag. Er war einer der letzten aktiven Mitarbeiter, die das Werk verließen.
Dabei war Boris‘ Rolle besonders herausfordernd: Einerseits war er selbst betroffen. Andererseits trug er Verantwortung für Bereiche und Mitarbeitende. Während seine Kolleg*innen neue Stellen fanden und das Unternehmen nach und nach verließen, wuchsen seine Aufgaben sogar noch.
„Dadurch, dass ich auch Kollegen auf Augenhöhe habe gehen lassen, habe ich immer mehr Abteilungen übernommen“, erzählt Boris. „Tatsächlich ist mein Aufgabenbereich in der Schließungszeit gewachsen.“
Transfergesellschaft: Zeit und Raum für Neuorientierung
Nach der Werksschließung wechselte Boris nicht direkt in die Arbeitslosigkeit, sondern in eine Transfergesellschaft. Diese sollte den Beschäftigten die Möglichkeit geben, sich auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, neue Wege zu prüfen und Qualifizierungen zu nutzen.
Die Transfergesellschaft beschreibt Boris als eine Chance, nicht einfach nur abzuwarten, sondern sich aktiv mit der eigenen beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen. Es habe einen ausgehandelten Rahmen gegeben, außerdem Fördermöglichkeiten, um Weiterbildungen oder Lehrgänge zu finanzieren. Für ihn selbst standen im Grunde zwei Wege im Raum: eine Selbstständigkeit im Elektrohandwerk oder die Weiterbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit. Das Thema Arbeitssicherheit war ihm schon aus seiner Zeit in der Industrie vertraut. In seiner Funktion als Meister hatte er bereits viele Berührungspunkte mit Sicherheit, Gefährdungsbeurteilungen und Verantwortung im Betrieb. „Industrie birgt immer ein gewisses Gefahrenpotenzial“, sagt Boris. „Da ist das Thema Sicherheit eigentlich allgegenwärtig.“
Warum die Sifa-Weiterbildung nahelag
Über die Agentur für Arbeit informierte sich Boris zunächst über Fördermöglichkeiten. Da ihm klar war, dass seine gewünschte Weiterbildung den Rahmen der Transfergesellschaft möglicherweise überschreiten würde, wollte er wissen, welche Wege darüber hinaus möglich sind. Durch eigene Recherche stieß Boris schließlich auf die LVQ.
Die Weiterbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit, kurz Sifa, war für ihn nicht völlig fremd. Aufgaben wie das Erstellen von Gefährdungsbeurteilungen lagen schon vorher auf seinem Schreibtisch. „Im Grunde ging es darum, bereits bestehendes und angewandtes Wissen durch den Lehrgang zu festigen“, resümiert Boris.
Sifa 3.0 – weniger Auswendiglernen, mehr Anwenden

LVQ-Mitarbeiter Marian Schmerkötter begleitet den Lehrgang Fachkraft für Arbeitssicherheit als Fachkoordinator und Lernbegleiter. Was das Konzept 3.0, also den aktuellen Sifa-Lehrgang, für ihn ausmacht?
Früher sei die Ausbildung stärker durch Auswendiglernen geprägt gewesen. Seit der Neukonzipierung setze man deutlich stärker auf Anwendung, eigenständiges Denken und Kompetenzentwicklung: „Es ist eine Weiterbildung, die es wirklich geschafft hat, die Leute sehr viel kompetenzbasierter handeln zu lassen“, erklärt Marian. Die Teilnehmer*innen sollen sich Wissen nicht nur aneignen, um Prüfungen zu bestehen. Sie sollen lernen, wie sie in der Praxis handeln, beraten, kommunizieren und Situationen einschätzen.
Der Lehrgang basiert auf einem bundeseinheitlichen Rahmenkonzept der DGUV. Damit ist klar geregelt, welche Anforderungen erfüllt sein müssen, um als Fachkraft für Arbeitssicherheit tätig werden zu können. Lars vergleicht das im Gespräch mit einem LKW-Führerschein: Wer die Qualifikation hat, darf bestimmte Aufgaben übernehmen. Wer sie nicht hat, darf es nicht. Für die LVQ ist dieser Lehrgang deshalb besonders: Er führt zu einer Qualifikation, mit der die Absolvent*innen anschließend eine gesetzlich verankerte Funktion in Unternehmen übernehmen können.
Lernen lernen: Zurück in den Weiterbildungsmodus
Für Boris war der inhaltliche Teil der Weiterbildung nur eine Seite. Die andere war das Lernen selbst. Nach vielen Jahren im Beruf musste er sich erst wieder ins Lernen hineinfinden: „Ich bin keine 23 mehr“, sagt Boris. „Mich zu Hause konzentriert hinzusetzen und nicht von jedem Mist ablenken zu lassen, ist mir anfangs schon schwergefallen.“ Gerade dieser Punkt dürfte vielen bekannt vorkommen, die nach längerer Berufserfahrung wieder eine Weiterbildung beginnen. Fachwissen, Praxiserfahrung und Motivation sind oft vorhanden – aber der Alltag des Lernens muss sich erst wieder einspielen.
Lernbegleitung statt klassischem Frontalunterricht
Ein zentrales Element der Sifa 3.0 ist die Rolle der Lernbegleiter*innen. Laut Marian nehmen diese sich bewusst zurück. Statt vorn zu stehen und Wissen zu vermitteln, unterstützen sie die Teilnehmer*innen dabei, sich Inhalte selbst zu erschließen, Fragen zu stellen, in Gruppen zu arbeiten und Feedback anzunehmen.
Für die Lernbegleiter*innen bedeute das ein Umdenken. Sie brauchen nicht nur Fachwissen, sondern auch methodisch-didaktische Fähigkeiten, Menschenkenntnis, Diplomatie und die Fähigkeit, Lernprozesse zu begleiten. Für Boris genau der richtige Ansatz: „Es war eine gute Kombination aus eigenständigem Lernen und Unterstützung durch Wissensträger.“
Eine Lerngruppe mit viel Erfahrung
Neben Lernplattform, Selbstlernphasen und Praxisanteilen spielten für Boris auch die gemeinsamen Seminarphasen eine wichtige Rolle. Besonders beeindruckt habe ihn die Zusammensetzung seiner Gruppe. Vom Doktor der Chemie oder Elektrotechnik bis zum Pferdewirt sei alles vertreten gewesen. Die beruflichen Hintergründe waren unterschiedlich, gleichzeitig brachten viele Teilnehmer*innen langjährige Erfahrung mit. „Gerade die Zeiten vor Ort, als man sich in die Augen schauen konnte, waren mega“, erinnert sich Boris. Nicht nur der berufliche Hintergrund der Teilnehmer*innen variiert: Laut Marian steige auch der Anteil der Teilnehmerinnen und beim Alter gebe es eine große Bandbreite von sehr jungen Teilnehmer*innen bis hin zu Menschen über 60.
Der Praxisteil: Wissen im Betrieb anwenden
Ein wichtiger Bestandteil der Weiterbildung ist der Transfer in die Praxis. Den Praxisteil absolvierte Boris bei der Sulzer Chemtech in Essen. Dort habe er Wissen aus seiner früheren Tätigkeit und aus dem LVQ-Lehrgang verbinden können.
Spannenderweise stellte sich das Werk zu diesem Zeitpunkt gerade neu auf, wodurch Boris Arbeitssicherheit in einem Umfeld mitgestalten konnte, das sich im Aufbau befand. Für ihn ein Höhepunkt seiner Weiterbildung.
Vom Lehrgang in den neuen Job
Noch während des Sifa-Lehrgangs kam Boris mit seinem heutigen Arbeitgeber in Kontakt. Auch dabei spielte Networking eine Rolle – unter anderem über Kontakte aus dem LVQ-Umfeld und die Lernbegleiter*innen. Zunächst blieb er der LVQ jedoch noch etwas treu und absolvierte zusätzlich die Weiterbildungen zum Qualitätsbeauftragten und Umweltmanagementbeauftragten.
Heute arbeitet er bei Rud. Otto Meyer Technik, einem traditionsreichen Unternehmen im Bereich der technischen Gebäudeausrüstung. Ursprünglich kommt Boris aus dem Elektrohandwerk, er ist also Quereinsteiger. Ausgebremst habe ihn das im Auswahlprozess aber nicht, im Gegenteil: „Ich konnte mit meiner Erfahrung, meinem Branchenverständnis und meinen handwerklichen Wurzeln punkten.“
Warum Sifa für erfahrene Fachkräfte eine Chance sein kann
Marian sieht die Weiterbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit gerade für lebenserfahrene Menschen als gute Möglichkeit für den beruflichen Neustart. In anderen Weiterbildungen gebe es ebenfalls gute Abschlüsse, aber bei der Sifa habe er „überhaupt keine Bauchschmerzen“. Der Grund: Die Teilnehmer*innen bringen oft viel Berufserfahrung mit. Wer schon in Produktionshallen, Werkstätten, auf Baustellen oder in technischen Bereichen gearbeitet hat, kennt Risiken aus der Praxis. Genau diese Erfahrung kann in der Arbeitssicherheit ein großer Vorteil sein.
Typische Einsatzfelder sind vielfältig: Manche Absolvent*innen machen sich selbstständig, manche arbeiten in Ingenieurbüros und beraten externe Unternehmen, andere werden direkt in Betrieben als Fachkraft für Arbeitssicherheit angestellt.
Sechs Monate Vollzeit – intensiv, aber wirksam
Die LVQ bietet die Sifa-Weiterbildung in einer konzentrierten Vollzeitvariante an. Die sechs Monate sind geprägt von viel Lernstoff, viel Eigenarbeit und viel Gruppenarbeit. Aber: „Es lohnt sich“, weiß Marian. Die Konzentration sei auch ein Vorteil für Menschen, die zwischen zwei Jobs stehen und sich zügig neu aufstellen möchten. Darüber hinaus nehme auch immer eine Handvoll Berufstätiger an den Lehrgängen teil, die den Kurs so mit Impulsen aus dem Arbeitsalltag bereichern. Mittlerweile bietet die LVQ den Sifa-Lehrgang übrigens auch in einer berufsbegleitenden Variante, die knapp unter einem Jahr dauert. Hier geht es zur Produktseite des Lehrgangs.
Boris’ Neustart: „Eine Punktlandung.“
Rückblickend beschreibt Boris seinen beruflichen Wechsel als „Punktlandung“. Auch das Unternehmen, das ihn gefunden habe, sei eine Punktlandung gewesen. Er sei dort sehr glücklich und überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Zum Abschluss fragt Lars, welchen Tipp Boris Menschen geben würde, die von Werksschließung, Kündigung oder beruflicher Unsicherheit betroffen sind.
Seine Antwort ist eindeutig: „Bleibt nicht stehen!“ Genau das gebe er auch heute in seinem beruflichen Umfeld weiter.
Wer sich sehr lange nicht weiterentwickelt habe, tue sich später schwerer damit, noch einmal neu anzufangen. Deshalb sei Weiterbildung nicht nur im Notfall wichtig, sondern grundsätzlich ein Bestandteil beruflicher Entwicklung. Und wer Interesse an der Arbeitssicherheit hat, dem macht Boris ebenfalls Mut: Sifas werden weiterhin gesucht. Auch in seinem aktuellen Umfeld gebe es Bedarf und Schwierigkeiten, passenden Nachwuchs zu finden.
Fazit: Wenn sich eine Tür schließt …
Dranbleiben, sich weiterentwickeln und vernetzen – für Boris war genau das entscheidend. Er blieb nicht stehen, sondern nutzte die Transfergesellschaft, informierte sich über Fördermöglichkeiten, entschied sich für Weiterbildung, brachte seine Erfahrung ein und fand über Qualifizierung und Netzwerk einen neuen beruflichen Weg. Aus einer Werksschließung wurde so kein Ende der beruflichen Reise, sondern ein neuer Abschnitt.
Links
Hier geht's zu Boris' LinkedIn-Profil.
In unserem Podcast geht es um die Phase #ZwischenZweiJobs, also Jobsuche und Berufsorientierung, aber auch um das Thema (geförderte) Weiterbildung und Trends sowie Entwicklungen der Arbeitswelt allgemein.
Wir unterhalten uns mit spannenden Gästen, darunter Karriere-Coaches, Vertreter*innen der Verwaltung und natürlich ehemalige Teilnehmer*innen unserer Weiterbildung.
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Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Unsere Artikel werden verfasst von unserem Redaktionsteam bestehend aus Angela Borin, Lars Hahn und Kay Pfefferkuchen.
Die LVQ Weiterbildung und Beratung GmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Online-Präsenzunterricht mit Dozent*innen aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.
Für Berufstätige bietet die LVQ Business Akademie entsprechende Weiterbildungen. Der Fokus liegt auf der Vermittlung fachspezifischer Themen aus dem gesetzlich geregelten Bereich. Inhouse-Seminare, Beratung und Schulungen für Unternehmen runden das Angebot der LVQ ab.





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