„200 Bewerbungen, drei Vorstellungsgespräche und immer noch kein Job.“ Aktuell höre ich solche Geschichten häufig in Beratungsgesprächen, auf Messen oder bei Menschen, die sich bei uns zu Weiterbildungsmöglichkeiten informieren. Viele davon sind hochqualifiziert, haben viel Berufserfahrung, gute Abschlüsse und trotzdem das Gefühl, beruflich gerade gegen eine Wand zu laufen.
Gleichzeitig klagen viele Arbeitgeber darüber, dass sie keine passenden Bewerber*innen finden. Der Arbeitsmarkt fühlt sich derzeit für viele Menschen seltsam an. Zäh. Unübersichtlich. Teilweise frustrierend.
Die klassische Bewerbung funktioniert oft nicht mehr so, wie viele es gelernt haben oder erwarten würden. Oder besser gesagt: Sie reicht allein häufig nicht mehr aus. Das führt verständlicherweise zu Verunsicherung – manchmal auch zu Frust oder sogar Verzweiflung.
Die wichtigste Botschaft zuerst: Damit bist du nicht allein! Und vor allem: Du kannst etwas tun! Denn Jobsuche besteht aus viel mehr, als nur Stellenanzeigen zu lesen und Bewerbungen zu verschicken. Gemeinsam schauen wir uns in diesem Beitrag deshalb fünf Alternativen zur klassischen Bewerbung an.
Klassische Bewerbung: viel Aufwand, wenig Rückmeldung
Als ich vor Jahren selbst arbeitslos war, gestaltete sich der Arbeitsmarkt mindestens genauso schwierig wie heute, vielleicht sogar schlimmer. Und obwohl ich gut qualifiziert war und bereits über solide Berufserfahrung verfügte, fühlte ich mich zeitweise ziemlich verloren. Ich musste Geld verdienen und brauchte dringend einen Job. Gleichzeitig hatte ich – zwischen zwei Jobs – das Gefühl, die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Hilflosigkeit und Unbehagen machten sich breit – punktuell sogar Hoffnungslosigkeit.
Genau dieses Gefühl begegnet mir aktuell bei vielen Menschen, mit denen ich spreche. Da werden Bewerbungen geschrieben, optimiert, angepasst und verschickt. 50 Stück. 100 Stück. Manchmal sogar 200. Und trotzdem passiert oft wenig, der Arbeitsmarkt ist zäh und fies.
Dabei sind sich viele Rückmeldungen erstaunlich ähnlich:
- „Ich habe das Gefühl, diese Stelle wird gar nicht wirklich besetzt.“
- „In allen Jobbörsen tauchen immer dieselben Arbeitgeber auf.“
- „Ich bekomme nicht mal eine Einladung zum Gespräch.“
- „Ich habe mich zigmal beworben und nicht einmal eine Rückmeldung erhalten.“
Arbeitgeber-Ghosting gehört inzwischen leider fast schon zur normalen Candidate Experience vieler Jobsuchender. Gleichzeitig bekommen Unternehmen oft enorme Mengen an Bewerbungen – Automatisierung lässt grüßen! Recruiter*innen sprechen dann auch davon, dass sie zwar viele Bewerbungen erhalten, aber eben nicht die passenden.
Arbeitsmarkt, crazy
Eigentlich kein Wunder, da viele Unternehmen Stellenanzeigen posten und hoffen, dass irgendjemand Passendes auftaucht. Dafür gibt es in der Recruiting-Branche sogar den Begriff „Post and Pray“.
Das ist doch eigentlich verrückt und dennoch machen viele Bewerber*innen inzwischen im Grunde dasselbe – nur von der anderen Seite aus. Sie konzentrieren sich fast ausschließlich auf genau diesen Weg: Stellenanzeigen suchen, Online-Formular ausfüllen, PDF hochladen, warten und hoffen. KI und Automatisierung verstärken die Herausforderungen im offenen Stellenmarkt sogar noch – und auch das in einem „Wettrüsten“ für beide Seiten.
Vielleicht hast auch du schon ein Anschreiben mit KI verfasst und deine Bewerbungen automatisiert. So praktisch das auch ist: Dadurch, dass Bewerbungen heute mit ein paar Klicks erstellt und abgeschickt werden, finden sich Personaler*innen mit einer Flut an – oft sehr ähnlichen – Bewerbungen konfrontiert. Eine Flut, in der einzelne Bewerbungen schnell untergehen.
Hinzu kommt, dass gerade größere Unternehmen immer häufiger zu sogenannten Applicant Tracking Systems (kurz ATS) greifen, zu denen auch die CV Parser gehören. Diese geben eine erste Einschätzung zur Passung des/der Kandidat*in ab. Was du in diesem Zusammenhang unbedingt berücksichtigen solltest: Viele CV Parser können grafische Darstellungen im Lebenslauf, wie etwa die Visualisierung vorhandenen Wissens als Balkendiagramm, gar nicht oder deutlich weniger gut auslesen als reinen Text. Im Zweifelsfall solltest du von einer allzu kreativ gestalteten Bewerbung – zumindest bei größeren Unternehmen – also besser absehen.
Verunsicherung ist völlig normal
In dieser Situation ist es daher absolut verständlich, sich frustriert, verunsichert oder gar hilflos zu fühlen. Denn Jobsuche hast du wahrscheinlich nie wirklich gelernt. Die meisten Menschen erlernen einen Beruf oder fachliche Kompetenzen. Sie lernen aber nicht, wie moderner Arbeitsmarkt , verdeckter Stellenmarkt oder Networking funktioniert. Auch die eigene Positionierung dürfte bei den wenigsten auf dem Lehrplan gestanden haben.
Jobsuche ist deshalb oft wie Stochern im Nebel. Du weißt nicht genau, wo die Reise hingeht, wie lange sie dauert und welcher Weg dann wirklich zum Ziel führt.
Genau deshalb lohnt es sich, den Blick zu erweitern. Denn Jobsuche ist deutlich mehr als klassische Bewerbung.
5 Alternativen zur klassischen Bewerbung
Vorab noch ein Disclaimer: Es gibt vieles, was du als Alternative zur klassischen Bewerbung tun kannst. Aber egal was du tust, du brauchst stets optimale Unterlagen, weil du im Zweifel doch irgendwann eine PDF versenden oder etwas hochladen musst, selbst wenn du nicht mehr Stellenanzeigen hinterher jagst. Außerdem kann eine Verschriftlichung helfen, sich der eigenen Erfahrung, Stärken und Neigungen bewusst zu werden.
Alternative 1: Hör auf, dich zu bewerben!
Hör auf, dich zu bewerben? Das klingt natürlich radikal und für manche völlig unverständlich. Aber wenn 200 Bewerbungen nicht funktioniert haben, hilft es manchmal, bewusst innezuhalten. Nicht aufzugeben, aber den Fokus zu verändern. Viele Menschen jagen irgendwann nur noch Stellenanzeigen hinterher. Jede neue Ausschreibung erzeugt kurzfristig Hoffnung – und kurze Zeit später möglicherweise die nächste Enttäuschung.
Manchmal hilft es deshalb, einen Schritt zurückzutreten und sich stärker mit dem verdeckten Stellenmarkt zu beschäftigen. Ein erheblicher Teil interessanter Jobs wird gar nicht öffentlich ausgeschrieben oder erst sehr spät. Viele Stellen entstehen über Empfehlungen, Gespräche, Kontakte oder spontane Bedarfe. Das bedeutet: Nicht jede Jobsuche beginnt mit einer Stellenanzeige. Und genau dort entstehen oft neue Möglichkeiten.
Alternative 2: Hol dir Hilfe!
Ganz gleich, ob Berufseinsteiger*in, High Professional oder Führungskraft: Niemand hat Jobsuche wirklich professionell gelernt. Und weil der Arbeitsmarkt komplizierter geworden ist und so viele Fallen und Unwägbarkeiten lauern, kann es lohnen, sich professionelle Unterstützung zu holen. Das kann ein Karriere-Coaching sein, eine Beratung bei der Arbeitsagentur oder Gespräche mit erfahrenen Menschen aus dem eigenen Umfeld – aber eben auch das professionelle Umfeld einer beruflichen Weiterbildung.
Ich erlebe regelmäßig, dass Menschen schon nach einem einzigen intensiven Beratungsgespräch bei uns plötzlich ganz neue Perspektiven auf ihre bisherige Bewerbungsstrategie entwickeln. Manchmal reicht schon eine andere Sichtweise auf den eigenen Lebenslauf, die Zielposition oder die eigene berufliche Geschichte.
Gerade wenn du zwischen zwei Jobs bist, können sowohl Coaching als auch Weiterbildung über die Agentur für Arbeit zu 100 Prozent gefördert werden. Viele wissen das gar nicht, aber könnten dies für sich nutzen.
Alternative 3: Prüfe deine Positionierung
Das Innehalten hilft auch bei einer wichtigen Frage: Wo willst du eigentlich wirklich hin?
Häufig werden Bewerbungen sehr breit gestreut verschickt. Ein bisschen hier, ein bisschen dort, Hauptsache irgendwie wieder in Arbeit. Das ist menschlich nachvollziehbar, führt aber oft dazu, dass Bewerbungen diffus wirken und nicht wirklich auf die ausgeschriebenen Stellen passen.
Deshalb lohnt sich ehrliche Selbstreflexion:
- Was kann ich wirklich gut?
- Welche Aufgaben und Tätigkeiten passen tatsächlich zu mir?
- Welche Arbeitsumfelder wünsche ich mir künftig und welche nicht mehr?
- Würde ich mich selbst für genau diese Stelle einstellen?
Positionierung bedeutet nicht, sich künstlich zu verbiegen oder zu „verkaufen“, sondern Klarheit zu entwickeln. Und genau diese Klarheit spüren später auch Arbeitgeber*innen. Manchmal reichen dafür schon wenige intensive Stunden der Reflexion. Systematischer geht es beispielsweise mit Instrumenten wie dem Talentkompass NRW oder mit professioneller Begleitung durch Coaching und Beratung.
Alternative 4: Notfallnetzwerken
Ehrlich gesagt hatte ich mein berufliches Netzwerk damals selbst nicht besonders gut gepflegt. Das geht übrigens vielen Menschen so. Und plötzlich merkst du in der Jobsuche: Die wenigen Kontakte arbeiten vielleicht noch in der alten Branche. Oder sie sind selbst unsicher. Oder man hat jahrelang kaum berufliche Netzwerke aktiv genutzt.
Dann braucht es manchmal so etwas wie „Notfallnetzwerken“. Und das funktioniert tatsächlich. Innerhalb weniger Wochen oder Monate lässt sich ein komplett neues berufliches Netzwerk aufbauen, besonders auch mit Hilfe von Businessnetzwerken wie LinkedIn oder XING – ich nenne das gerne „Big Data für Bewerber*innen“.
Dazu gehört:
- Systematische Recherche nach Menschen mit deinen Keywords,
- Finden interessanter Menschen und schauen, wo sie arbeiten,
- Recherchieren spannender Unternehmen und deren Mitarbeiter*innen scannen,
- Vernetzen, Kontakte aufbauen, Ausschau nach „alten“ Bekannten halten,
- Als Kür: Selbst sichtbar werden, Beiträge kommentieren usw.
Notfallnetzwerken ist sehr mächtig, denn plötzlich bekommst du viel mehr Informationen über Unternehmen, Branchen, Ansprechpartner*innen und Entwicklungen als nur über Stellenanzeigen.
Alternative 5: Systematisch Kaffeetrinken
Systematisch Kaffeetrinken ist gewissermaßen die Königsdisziplin der Alternativen zur klassischen Bewerbung. Du führst „einfach“ Gespräche:
- mit Menschen, die dort arbeiten, wo du hinwillst,
- mit Personen, die interessante berufliche Perspektiven haben oder
- einfach mit netten Menschen aus alten Zeiten, die wiederum andere Menschen kennen.
Und genau das nenne ich: #SystematischKaffeetrinken. Das kann ganz klassisch bei einem echten Kaffee passieren oder virtuell per Teams oder Zoom. Entscheidend ist nicht das Getränk, sondern das Gespräch. Oft entwickelt sich daraus zunächst nur ein guter Kontakt, vielleicht ein Hinweis, vielleicht eine Idee. Manchmal folgt darauf aber auch eine Empfehlung und manchmal sogar ein neuer Job.
Fazit: Jobsuche ist mehr als klassische Bewerbung
Wenn du beginnst, Alternativen zur klassischen Bewerbung aktiv umzusetzen, verändert sich oft etwas Entscheidendes: Das Gefühl der Hilflosigkeit wird weniger. Du kommst wieder ins Handeln. Plötzlich recherchierst du aktiv, führst Gespräche, entwickelst neue Perspektiven, baust Kontakte auf und verstehst den Arbeitsmarkt besser.
Und das Spannende ist: Am Ende entstehen daraus oft trotzdem wieder klassische Bewerbungen. Nur diesmal gezielter. Passender. Persönlicher. Vielleicht sogar mit einem Kontakt im Unternehmen, einer Empfehlung oder einem vorherigen Gespräch. Und genau dann steigen häufig auch die Chancen deutlich. Denn Jobsuche ist eben viel mehr als nur PDF-Dateien hochladen und auf Rückmeldungen warten.
Ich wünsche dir viel Erfolg dabei!
Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Unsere Artikel werden verfasst von unserem Redaktionsteam bestehend aus Angela Borin, Lars Hahn und Kay Pfefferkuchen.
Die LVQ Weiterbildung und Beratung GmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Online-Präsenzunterricht mit Dozent*innen aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.
Für Berufstätige bietet die LVQ Business Akademie entsprechende Weiterbildungen. Der Fokus liegt auf der Vermittlung fachspezifischer Themen aus dem gesetzlich geregelten Bereich. Inhouse-Seminare, Beratung und Schulungen für Unternehmen runden das Angebot der LVQ ab.









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