„Ich bin nicht gut genug für diese Stelle“ – Wie Sie mit inneren Hürden während der Jobsuche umgehen

„Ich habe nicht genug Berufserfahrung.“

„Ich bin zu alt für den Arbeitsmarkt.“

„Ich war zu lange arbeitslos.“

Kommt Ihnen eine dieser Aussagen bekannt vor? Nicken Sie gerade innerlich, da Sie sich wieder finden?

Dann geht es Ihnen genauso wie vielen anderen Bewerbern.
Dieses kleine Stimmchen, das sich unbemerkt bei Ihnen eingenistet hat, sei es durch die Aussagen anderer oder durch selbst erfahrene Erlebnisse. Es lässt Sie glauben, dass Sie für die Jobsuche nicht gut genug, nicht jung genug, nicht erfahren genug oder nicht qualifiziert seien.

Hierbei handelt es sich um einschränkende Glaubenssätze, die Ihr Verhalten und Auftreten als Bewerber auf negative Art beeinflussen können.

Im heutigen Beitrag möchten wir mit einigen einschränkenden Glaubenssätzen während der Jobsuche aufräumen und Tipps geben, wie Sie mit Ihnen umgehen.

Hürde Berufseinstieg oder „Ich habe das Falsche studiert“

Endlich hält Andrea ihr Zeugnis in der Hand: „Bachelor of Arts“ in Anglistik und „Praktische Sozialwissenschaften“ steht drauf, Gesamtnote 1,7. Andrea ist stolz, die ganze Arbeit hat sich gelohnt. Und Andrea hat ihr Studium geliebt, trotz der Einwände ihrer Eltern („Du solltest ‚was Vernünftiges lernen“).
Was sie nun beruflich machen möchte, das weiß Andrea noch nicht genau, irgendwas mit Sprachen wäre gut. Ihr erstes Gespräch beim Jobcenter läuft wenig motivierend. Mit ihrem Studium sei es schwierig einen Job zu finden. Sie solle es mit dem Lehrerjob ausprobieren. Genau das, was sie nicht möchte.

Also recherchiert Andrea auf eigene Faust und sucht entsprechende Stellen. Direkt die erste Anzeige spricht sie an: Gesucht wird ein/e Kundenservicemitarbeiter/in mit englischen Sprachkenntnissen. Sie schaut sich die Stelle genauer an:  „Sie haben eine kaufmännische Berufsausbildung oder können Erfahrung im Kundenservice vorweisen“. Beide Anforderungen erfüllt Andrea nicht, also bewirbt sie sich nicht. Das zieht sich von Stellenausschreibung zu Stellenausschreibung durch.  

Andreas anfängliche positive Stimmung löst sich auf, ihre Eltern und der Arbeitsvermittler scheinen recht zu behalten: „Ich habe wohl doch das Falsche studiert“. Dieser Satz brennt sich bei ihr ein und Andrea beginnt wieder zu kellnern. In diesem Glauben bleibt sie, bis eines Tages eine ehemalige Kommilitonin ins Café reinschneit. Sie kommen ins Gespräch und die Kommilitonin erzählt ihr, wie zufrieden sie mit ihrem Volontariat bei einem wissenschaftlichen Verlag sei. Wie sie denn an den Job gekommen sei, fragt Andrea, als Geisteswissenschaftlerin sei das ja nicht so einfach mit der Jobsuche. Sie bekommt folgende Antwort: „Ach, auf solche Aussagen habe ich nie viel gegeben, ich habe mein Ding durchgezogen und mich einfach beworben.“ Da merkt Andrea, dass sie mit der falschen Einstellung an die Jobsuche gegangen ist. Was ihr nicht bewusst ist: Sie hat sich stark von dem negativen Glaubenssatz „Ich habe das Falsche studiert“ beeinflussen lassen.

Glaubenssätze entstehen häufig durch Aussagen Dritter

So wie Andrea geht es vielen Bewerbern. Ob Berufseinsteiger oder Berufserfahrene, ob Berufswechsler oder Berufsrückkehrer – viele von ihnen leben mit ihren einschränkenden Glaubenssätzen während der Jobsuche. Sie entstehen meist durch Aussagen Dritter, häufig von Autoritätspersonen (wie bei Andrea durch die Eltern und den Berater der Arbeitsagentur). Diese verinnerlichen sie irgendwann, ohne zu merken, dass sie diese anwenden oder sich von ihnen steuern lassen. Zweifel, Zögern oder Untätigkeit sind häufig die Folge.

Woran man einschränkende Glaubenssätze erkennt und wie man mit ihnen umgeht

Glaubenssätze sind verallgemeinerte Überzeugungen oder Lebensregeln, die das alltägliche Verhalten unbewusst bestimmen. Negative Glaubenssätze können Menschen dabei in  vielerlei Hinsicht einschränken oder gar zur „selbsterfüllenden Prophezeiung“ werden: Sie verhalten sich genau so, dass sich dieser Glaubenssatz auch erfüllt.

Um dagegen zu steuern, ist es im ersten Schritt wichtig, den einschränkenden Glaubenssatz als solchen zu erkennen. Glaubenssätze kennzeichnen sich unter anderem durch ihren verallgemeinernden Charakter, vor allem durch die Sprache. Typische einschränkende Glaubenssätze während der Jobsuche sind:

  • „Ich bin nicht gut genug für diese Stelle“
  • „Ich hab nicht genug Berufserfahrung“
  • „Ich bin zu alt für den Arbeitsmarkt“
  • „Ich war zu lange arbeitslos“
  • „Ich habe das Falsche studiert“
  • „Ich bin nicht gut genug qualifiziert“
  • „Ich bin überqualifiziert“
  • „Als Mutter mit einem kleinen Kind bekomme ich nie einen Job“
  • „Alle bekommen einen Job, nur ich nicht“

Klassisches Merkmal dieser Glaubenssätze sind deren generalisierende Bedeutung: nicht gut genug, zu alt, zu lange, das Falsche, nie, alle. Gerade diese generalisierenden Vokabeln sind der Ansatzpunkt, an dem Sie Ihre Glaubenssätze ein Stück weit entkräften können. Fragen wie „Wer ist denn „Alle“?“, „Für welche Unternehmen, für welche Stelle zu alt?“, können so einem Glaubenssatz ein Stück weit die Schärfe nehmen.

Stellen Sie sich zudem folgende Fragen:

  • Gilt der Glaubenssatz in allen Fällen wirklich immer so?
  • Was wäre, wenn genau das Gegenteil wahr wäre?
  • Welche konkreten Beweise kennen Sie schon für das Gegenteil?
  • Gibt es Menschen in der gleichen Situation mit anderen Glaubenssätzen, die damit Erfolg haben?

Diese Fragen lassen sich auch auf einschränkende Glaubenssätze außerhalb der Jobsuche anwenden. SiE helfen dabei, die negativen Aspekte dieser Wahrheiten in Frage zu stellen und positive Aspekte zu sehen:

Ein alter Bewerber ist zugleich ein erfahrener Bewerber, der vielen Unternehmen einen Mehrwert bietet. Mangelnde Erfahrung kann bei Stellen von Vorteil sein, in denen der Arbeitgeber den Bewerber ausbilden möchte. Und das Überstehen einer langen Phase der Arbeitslosigkeit kann für Krisenerprobung, Bodenhaftung und Geduld stehen und im Vorstellungsgespräch positiv angenommen werden, wenn Sie dem Arbeitgeber gefestigt darlegen, dass Sie Positives aus der Phase der Jobsuche ziehen. 

3 Mythen des Arbeitmarktes entzaubert

Wie wir schon gesehen haben, gibt es gerade im Arbeits- und Bewerbermarkt einige gängige „Wahrheiten“, die die Bildung von einschränkenden Glaubenssätzen befeuern. Ergänzend zu den oben genannten eigenen Fragestellungen möchten wir an der Stelle mit drei Mythen des Arbeitsmarktes aufräumen:

1. „Mit über 50 sind Sie zu alt für den Arbeitsmarkt!“

Diesen Mythos entkräftet Lars Hahn in seinem Beitrag „Jobsuche ab 50. Wirklich zu alt für den Arbeitsmarkt?
Er zeigt Statistiken auf, wonach sich die Arbeitsmarktsituation für Ältere verbessert hat und noch verbessern wird. Jedoch: Jobsuche funktioniert für über 50-jährige anders: Mehr über Kontakte, Netzwerke und die aktive Nutzung von XING und LinkedIn.

2. „Sie dürfen keine Lücken im Lebenslauf haben!“

Viele Jobsuchende nehmen vorschnell einen Job an, aus Angst davor, dass die Lücke im Lebenslauf größer wird – unabhängig davon, ob Sie den Job überhaupt wollen oder nicht. Im ungünstigsten Fall endet der Jobsuche innerhalb der Probezeit und die nächste Lücke bahnt sich an. Dann steckt man im Teufelskreis.

Befeuert wird dieser Mythos durch Aussagen von einigen Konzern-Personalern, High-Potential-Headhuntern und Bewerbungssoftwares der Groß-Unternehmen: Ist die Lücke zu groß, wirst Du ausgesiebt.

Viele Bewerber vergessen jedoch, dass Konzerne nur einen kleinen Teil der Arbeitgeber ausmachen. In kleinen und mittelgroßen Unternehmen herrschen häufig andere Anforderungen. Da schaut man auch schon mal über eine Lücke hinweg. Zudem hat sich der Arbeitsmarkt verändert, ist dynamischer und unberechenbarer geworden. 2017 waren laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 3,15 Millionen Menschen in Deutschland befristet tätitg, das ist jeder 12.

Lücken im Lebenslauf sind bei vielen Bewerbern Normalität geworden, und auch längere Lücken werden toleriert. Hier bei der LVQ haben wir mehrere Beispiele von Menschen, die mit mehrjähriger Lücke eine neue Beschäftigung gefunden haben, sogar in gut dotierten Positionen.

3. „Geisteswissenschaftlen sind eine brotlose Kunst!“

Gerne wird den Geisteswissenschaften auch nachgesagt, dass es brotlose Kunst sei. Was daraus entstehen kann, haben wir am Beispiel am Anfang des Beitrages gesehen.
Dabei sind die beruflichen Möglichkeiten für Geisteswissenschaftler so gut wie nie. Im Beitrag „Geisteswissenschaften studiert? Wie Sie den Berufseinstieg schaffen“ zeigen wir die Einstiegsmöglichkeiten für Geisteswissenschaftler.
Ein Blick auf die Statistiken der letzten zehn Jahre bestätigt dies. Laut Arbeitsmarktbericht der Bundesagentur für Arbeit sank die Anzahl arbeitsloser Absolventen der Sprach-, Literatur- und Geisteswissenschaften  von 2008 bis 2018 um circa 40 %. Ähnlich sieht die Entwicklung bei den Erziehungs-, Politik- und Sozialwissenschaften aus. Da sank die Zahl der Arbeitslosen im selben Zeitraum um etwa 36 %.
Auch hier im Blog finden Sie viele positive Beispiele.

Mit Vergleichen negative Glaubenssätze überwinden

Gibt es Menschen in der gleichen Situation mit anderen Glaubenssätzen, die damit Erfolg haben? Dies war eine der Fragen, die Sie sich oder Ihrem Glaubenssatz stellen sollten.

Vergleiche können sehr hilfreich sein, um eigene Glaubenssätze zu hinterfragen, das haben wir in unserer Anfangsgeschichte gesehen. Menschen lernen vor allem durch Vergleiche.
In unserem Blog haben wir mit den Erfolgsgeschichten eine eigene Kategorie, in der wir zeigen, wie unsere Weiterbildungsteilnehmer an ihre Jobs gekommen sind. Auch wenn die Weiterbildung häufig einen Teil dazu beigetragen hat, war vor allem eine positive Einstellung Voraussetzung für eine erfolgreiche Jobsuche. Sei es Tobias Quiram, der trotz körperlicher Einschränkung einen tollen Job gefunden hat oder Anja Gellert, die im Laufe ihres Arbeitslebens ihre Einstellung zur Arbeit geändert und sich nicht durch Glaubenssätze einschränken lassen hat.

Es sind vor allem diese Beispiele, die vielen anderen Jobsuchenden Mut machen. Sie lesen, wie diese Menschen mit inneren Hürden umgegangen sind, sich nicht beirren lassen haben und ihren Weg gegangen sind. Und wenn bei Ihnen ein „Ja,aber ich…“ oder ein „Das kann ich mit mir ja nicht vergleichen“ auftaucht, so nehmen Sie sich Ihre einschränkenden Glaubenssätze vor und stellen sich die oben genannten Fragen.

Erzählen Sie uns mit welchen einschränkenden Glaubenssätzen Sie während Ihrer Jobsuche konfrontiert sind. Wie sind Sie damit umgegangen? Schreiben Sie uns!

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Ein Kommentar zu “„Ich bin nicht gut genug für diese Stelle“ – Wie Sie mit inneren Hürden während der Jobsuche umgehen
  1. tonka sagt:

    Kununu ist toll und für mich immer sehr hilfreich gewesen. Schwarze Schafe kann man da anhand vieler berichte sofort aussortieren

    beispiel: 2016 habe ich einen Job gesucht und fand in den BÖrsen zig Angebote und habe immer geschaut, wie die anderen die Bewerbungen bei der Firma bewerten. merkwürdig fand ich nämlich, dass bestimmte firmen seit jahren die selben stellen online haben und dank Kununu wusste ich sofort, dass ich recht hatte
    die offensichtlichen fake Bewertungen ***** Sterne sind leicht zu durchschauen

1 Pings/Trackbacks für "„Ich bin nicht gut genug für diese Stelle“ – Wie Sie mit inneren Hürden während der Jobsuche umgehen"
  1. […] die Jobsuche. Lass Dich dabei weder von den verschiedenen Anforderungen der Arbeitgeber noch von eigenen hemmenden Denkmustern aus Deinem gerade entworfenen Konzept bringen. Stattdessen ersetze diese durch eine selbstbewusste […]

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