„Ich habe mich für mehr Leben entschieden“ – Interview mit LVQ-Absolventin Anja Gellert über ihren Berufsweg

Anja Gellert hat eine besondere Verbindung zur LVQ:
Vor 18 Jahren lernte sie während ihrer Weiterbildung ihren Lebensgefährten kennen, mit dem sie bis heute zusammenlebt. Außerdem war die Weiterbildung Grundstein für eine Karriere im Qualitätsmanagement. Sie brachte es bis zu einer Führungsposition,  bis ein persönlicher Schicksalsschlag sie dazu bewog, etwas zu ändern.

Kürzlich bildete sie sich erneut bei der LVQ weiter. Ihr gelang, was vermehrt viele langjährige Führungskräfte sich wünschen: Sie konnte „downshiften“ und fand einen anspruchsvollen Job mit Fachaufgaben, ganz ohne Führungsverantwortung.

Im heutigen Interview sprechen wir mit ihr über „downshifting“, lebenslanges Lernen und natürlich auch über ihren persönlichen Bezug zur LVQ.


Von der Werkzeugmacherin zur Qualitätsmanagement-Leitung

Martin Salwiczek: Frau Gellert, schön Sie wiederzusehen. Das wievielte Mal sind sie jetzt eigentlich bei uns?

Anja Gellert: Jetzt das dritte Mal. Das erste Mal 2000, dann 2016 und jetzt erstmals als Angestellte für einen Auffrischungs-Kurs bei der LVQ-Business Akademie.

Martin Salwiczek: Erzählen Sie doch bitte etwas über sich.

Anja Gellert: Gerne, frei von der Leber: Ich bin 49 Jahre alt, in Deutschland geboren und habe italienische Wurzeln. Mein Berufsleben habe ich in dem Männerberuf Werkzeugmacherin begonnen. Nach der Ausbildung bin ich bei August Bilstein, heute Thyssen Krupp Bilstein, im Stoßdämpfer-Prototypenbau gelandet. Nach 13 Jahren habe ich dort gekündigt. Im Jahr 2000 startete ich bei der LVQ eine Weiterbildung zur technischen Fachwirtin, Qualitätsassistentin, Qualitätsbeauftragten und interner Auditorin. Das ging damals zehn Monate.

Martin Salwiczek: Wie ging es nach der Weiterbildung weiter?

Anja Gellert: Nach der Weiterbildung konnte ich direkt in der Qualitätssicherung bei einem Konzern anfangen. Nach neun Jahren bekam ich dann eine Anstellung als Qualitätsmanagerin im Sauerland. Von da an habe ich viele Jahre im Qualitätsmanagement in leitender Funktion gearbeitet. Der Beruf stand für mich in der Zeit im Vordergrund, bis ich 2016 durch einen familiären Schicksalsschlag in eine persönliche Krise geraten bin. Ich merkte da erstmals, wie kurz das Leben sein kann. Also kündigte ich und nahm mir bewusst eine einjährige berufliche Auszeit.

Freiwillige Auszeit nach persönlichem Schicksalsschlag

Martin Salwiczek: Das ist ja durchaus ein mutiger Schritt, von sich aus zu kündigen und einen Schnitt zu machen.

Anja Gellert: Ja, aber es ging nicht mehr. Wer im Automotive-Bereich im Qualitätsmanagement in führender Position arbeitet, ist einem enormen Druck von verschiedenen Seiten ausgesetzt. Dieser Druck über mehrere Jahre und dann der familiäre Schicksalsschlag, da war es für mich Zeit, einen Cut zu machen. Mein Partner, den ich übrigens bei der LVQ kennengelernt habe, gab mir in der Zeit Halt und Freiraum mir zu überlegen, was ich beruflich tun möchte.

Die Auszeit war dann auch sehr wichtig, um mich selbst zu reflektieren. Ich wollte weniger Verantwortung, weniger Stress, raus aus der Automobilbranche. Ich wollte mehr Leben, dafür war ich bereit auch auf Geld zu verzichten.

Zweite Weiterbildung bei der LVQ nach 16 Jahren

Im  Qualitätsmanagement wollte ich schon bleiben und schaute daher bei der LVQ, welche Möglichkeiten ich noch habe. Da war ich dann 2016 zum zweiten Mal, machte die die Weiterbildung zur Fachkraft für Arbeitssicherheit und den Umweltbetriebsprüfer. Ich war froh, dass die Arbeitsagentur mir mit dem Bildungsgutschein die Chance gab, neue Inhalte kennenzulernen und Abschlüsse zu erwerben. Denn durch die Weiterbildungen konnte ich alle Ziele erreichen, die ich mir gesteckt habe.

Martin Salwiczek: Erzählen Sie!  

Anja Gellert:  Heute arbeite ich bei einem großen Chemie-Distributeur in einer anspruchsvollen Sachbearbeiterposition und auditiere intern die deutschlandweiten Standorte der Firma. Neben den Qualitätsmanagement-Audits gehören auch die Bereiche Arbeitssicherheit und Umwelt dazu. Ich arbeite nicht mehr in der Automotive-Branche, bin nicht mehr in einer Führungsposition und kann das anwenden, was ich neu gelernt habe. Das war eine Entscheidung gegen die Verantwortung und für das Leben. Und ich bin glücklich damit.

Martin Salwiczek: Dem Qualitätsmanagement sind sie aber treu geblieben.

Anja Gellert: Ja, es ist von Vorteil, wenn man schon mal etwas im Bereich Qualitätsmanagement gemacht hat: Es gibt es so viele Möglichkeiten, sich in verschiedene Richtungen zu entwickeln, ohne das Thema Qualitätsmanagement komplett zu verlassen. Welches Unternehmen braucht denn kein Qualitätsmanagement? Die Anforderungen sind nur größer geworden.

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass man Qualitätsmanagement in vielen Unternehmen nicht mehr alleine betrachten kann. Arbeitssicherheit und Umweltmanagement gehören mittlerweile dazu. Das sind drei Säulen, mit denen man im beruflichen Bereich so viel aufbauen, in so viele Richtungen gehen kann. Im industriellen Bereich gibt es das kaum noch, nur im Qualitätsmanagement-Bereich zu auditieren, ohne das Thema Umwelt und Arbeitssicherheit zu berücksichtigen. Das wird immer mehr in den Firmen und von den Kunden gefordert. Da kommt keiner mehr dran vorbei.

Über „downshifting“ und warum man nicht überqualifiziert sein kann

Martin Salwiczek: Dabei gibt es bei uns immer wieder Teilnehmer mit der Sorge, mit mehreren Weiterbildungen überqualifiziert zu sein…

Anja Gellert: Definitiv nicht in diesen Bereich. Überqualifizierung gibt es in dem Bereich nicht. Im Gegenteil, die fachlichen Anforderungen werden da noch mehr steigen. In den Bereichen Arbeitssicherheit und Umwelt muss man permanent am Ball bleiben. In der Arbeitssicherheit gewinnen zum Beispiel psychische Faktoren an Bedeutung. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen ist mittlerweile ein wichtiger Punkt. Das wird immer mehr.

Martin Salwiczek: Stichwort psychische Belastung: Sie haben ja gesagt, dass unter anderen auch der Stress als Führungskraft bei ihnen dazu geführt hat, sich beruflich neu zu orientieren. Nun haben sie das geschafft, was sich auch immer mehr Führungskräfte wünschen: Von der Führungsposition in eine anspruchsvolle Fachaufgabe ohne Führungsverantwortung zu wechseln. Dieser Prozess des „downshiftings“ fällt jedoch vielen schwer. Können Sie dazu etwas aus ihrer Erfahrung sagen?

Anja Gellert: Wie gesagt war es für mich wichtig, Zeit zu haben, mich selbst zu reflektieren und mir klar zu machen, was ich wirklich will. Weniger Verantwortung, weniger Stress, bedeutet auch weniger Geld. Das war für mich aber zweitrangig, ich wollte mehr vom Leben haben. Das muss jeder mit sich ausmachen. Sich weiterzubilden hilft auch weiter. In den Bereichen Qualitätsmanagement, Arbeitssicherheit und Umwelt ist die Bereitschaft zum permanenten Lernen wichtig. Das sollte man wissen, wenn man sich auf entsprechende Stellen bewirbt.

Lebensglück in der LVQ gefunden

Martin Salwiczek: Eine weitere Schwierigkeit: Wie begründet man diesen Schritt im Vorstellungsgespräch?

Die Frage, warum man nicht mehr als Führungskraft arbeiten möchte, kommt mit Sicherheit – bei mir in jedem Gespräch. Mir war es dabei immer wichtig, ehrlich zu sein. Ich bin offen damit umgegangen, dass ich diesen Druck nicht mehr möchte und mir meine Gesundheit wichtig ist. Ich finde, wenn man sich irgendwo bewirbt und im Vorstellungsgespräch nur Antworten gibt, die schön klingen wird das ein Personaler mit etwas Fingerspitzengefühl schnell merken. Daher ist es besser, authentisch zu bleiben. Wenn es nicht passt, dann passt es eben nicht. Mit der Einstellung habe ich nur gute Erfahrungen in Vorstellungsgesprächen gemacht.

Vielleicht beim Thema Vorstellungsgespräch kurz etwas zur LVQ: Ich bin sehr dankbar, dass wir hinsichtlich unserer Bewerbungen hier wertvolle Tipps bekommen haben. Das war gut fürs Feintuning der Unterlagen und, um passende Formulierungen zu finden.

Anja Gellert mit ihrem Lebensgefährten Bernd Menzel, den sie bei der LVQ kennengelernt hat.

Martin Salwiczek: Stichwort LVQ: Sie haben ja einen besonderen Bezug zu uns da sie ja, wie anfangs kurz erwähnt, vor 18 Jahren bei der LVQ ihren Freund kennengelernt haben. Möchten Sie kurz dazu etwas erzählen?

Anja Gellert: Das war ganz drollig. Mein Freund kommt aus Unterfranken. Er hat bei seiner Firma gekündigt und war damals wie ich in einer Phase der Veränderung. Dass er die Möglichkeit hatte, die Weiterbildung im Ruhrgebiet zu machen, kam ihn daher zu dem Zeitpunkt gut gelegen.  Also war der Plan, sich hier eine Wohnung zu mieten und nach einem Jahr zurück zu gehen. Wir haben beide gleichzeitig die Weiterbildung besucht, in der gleichen Klasse. Wir haben zusammen gelernt und uns dann verliebt. Jetzt lebt und arbeitet er immer noch hier. Das wäre ohne die LVQ nicht passiert, dafür sind wir sehr dankbar.

Martin Salwiczek: Das ist ein schöner Abschluss, ich bedanke mich für das Gespräch Frau Gellert und wünsche Ihnen beiden alles Gute!

 

 

 

Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Hier schreiben Lars Hahn, Martin Salwiczek und Gastautoren.Die LVQ Weiterbildung gGmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Präsenzunterricht mit Dozenten aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.Das Angebot der LVQ Business Akademie richtet sich an Berufstätige und umfasst die Vermittlung fachspezifischer Themen aus dem gesetzlich geregelten Bereich. Inhouse-Seminare, Beratung und Schulungen für Unternehmen runden das Angebot der LVQ ab.Wenn Sie Fragen zu unserem Angebot oder Interesse an einer Beratung haben, rufen Sie uns einfach an!

 

 

 

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2 Kommentare zu “„Ich habe mich für mehr Leben entschieden“ – Interview mit LVQ-Absolventin Anja Gellert über ihren Berufsweg
  1. Christian Schocke sagt:

    Ein erstaunlicher Lebenslauf, der ähnlich zu dem meinigen ist. Ich ziehe den Hut zu dem Schritt, das eigene Leben und den Lebenswandel vor die Karriere zu stellen.

    Das schafft nicht jeder.

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