Geisteswissenschaften studiert? Wie Sie den Berufseinstieg schaffen

1487837213_14488Der Mythos des akademischen Taxifahrers macht seit Jahren die Runde. Zu theoretisch, zu verkopft, zu weit weg vom „realen Berufsleben“ seien die Sozial- und Geisteswissenschaften sagen die einen. Andere wiederum preisen die Vorteile der Geisteswissenschaftler an: „Mit Freude sehe ich, welche Begabungen in Geistes- und Sozialwissenschaftlern stecken, mit welchem Tiefgang in diesen Fächern gelehrt wird. Das brauchen wir dringend. Unternehmen sind Gebilde, die nicht geistige Routine stupide reproduzieren, sondern wo man substantiell Themen hinterfragen muss,“ sagte der ehemalige Personalvorstand der Telekom Thomas Sattelberger in einem vielbeachteten Interview mit der FAZ.

Dennoch: Für viele Geisteswissenschaftler  gestaltet sich der Berufseinstieg schwierig. Blickt man auf die öffentlichen Stellenbörsen, sind zum Studiengang passende Stellen rar gesät. So arbeiten Geisteswissenschaftler häufig in Berufen, die mit dem Studium nur ansatzweise etwas zu tun haben. Bis es zur Festanstellung kommt, wechseln sich Praktika, Volontariate und Traineestellen mit Phasen der Arbeitslosigkeit, befristeten Projekten, oder Gelegenheitsjobs ab.

Weiterbildungen nach dem Studium können ein wichtiger Baustein sein, um die Chance auf eine Festanstellung zu erhöhen. Diese lassen sich sogar durch die Agentur für Arbeit finanzieren.

In diesem Beitrag zeigen wir, wie der berufliche Einstieg für Geisteswissenschaftler (schließt die Gesellschafts-, Sozial- und „Orchideen“wissenschaften mit ein) gelingen kann und welche Rolle Weiterbildungen dabei spielen.

Gute Arbeitsmarktperspektiven für Absolventen der Geisteswissenschaften

Dr. Nico Rose ist Head of Corporate Employer Branding bei Bertelsmann. Er hat das Creative Management Programm entwickelt: Ein 20-monatiges Trainee Programm, in dem Geisteswissenschaftler zu Führungskräften ausgebildet werden. Er schätzt die Bedeutung von Geisteswissenschaftler für Unternehmen ähnlich ein wie Thomas Sattelberger. Seiner Ansicht nach unterscheiden sich Geisteswissenschaftler von Studenten anderer Fachrichtungen „…etwa in der Frage, wie sie Probleme strukturieren, oder allein schon, welche Probleme sie interessant finden. Oder wie sie zur Lösung kommen.“

Motto des Trainee-Programms von Bertelsmann. Screenshot von der Webseite https://www.creativemanagementprogram.de/

Motto von der Webseite des Trainee-Programms von Bertelsmann.

Geisteswissenschaftler sind außerhalb der akademischen Welt also durchaus gefragt. Ein Blick auf die Statistiken der letzten zehn Jahre bestätigt dies. Laut Arbeitsmarktbericht der Bundesagentur für Arbeit sank die Anzahl arbeitsloser Absolventen der Sprach-, Literatur- und Geisteswissenschaften  von 2005 bis 2015 um circa 40 %. Ähnlich sieht die Entwicklung bei den Erziehungs-, Politik- und Sozialwissenschaften aus. Da sank die Zahl der Arbeitslosen im selben Zeitraum um etwa 36 %.

Berufseinstieg nach den Geisteswissenschaften – aller Anfang ist schwer

Nun möchte nicht jeder geisteswissenschaftliche Berufseinsteiger Führungskraft werden. Viele Sozial- und Geisteswissenschaftler suchen  einen Job, der zu ihrem Leben passt und in dem sie ihre Stärken und Interessen einsetzen können.

Das wiederum ist gar nicht so einfach. Gerade der Berufseinstieg stellt für viele Absolventen eine große Hürde dar. Andreas Pallenberg hat 25 Jahre lang den Infodienst vom Wissenschaftsladen Bonn geleitet. In seinem Abschiedsinterview spricht er über die Schwierigkeiten der Jobsuche:

„Der Arbeitsmarkt hat sich stark verändert. Viele haben den Wunsch, im Berufsleben fest anzukommen. Aber der Arbeitsmarkt ist mittlerweile sehr zerklüftet. Die eine feste Stelle bis zum Lebensende gibt es praktisch nicht mehr. Typisch sind dagegen befristete Stellen. Viele erleben auch Phasen der Arbeitslosigkeit oder sind für einige Zeit freiberuflich tätig, um eine schwierige Phase zu überbrücken“.

Praktika als Mittel zum Berufseinstieg

Patrick Koll kam über ein Praktikum an seinen Job.

Patrick Koll kam über ein Praktikum an seinen Job.

Diese Erfahrungen machen viele Geistes- und Sozialwissenschaftler nach dem Studium. Über 300 Bewerbungen schrieb die Sozialwissenschaftlerin Sylvia Förster in vier Jahren nach ihrem Studium. „10 Monate war ich angestellt, die restliche Zeit habe ich überwiegend Praktika gemacht“, sagt sie in unserem Blog.
Mehr Erfolg mit Praktika hatte Patrick Koll. Der Literatur- und Medienwissenschaftler wurde von seinem letzten Praktikumsgeber übernommen. Er sieht Praktika als wichtigen Bestandteil und empfiehlt diese auch zum Netzwerken zu nutzen:

„Als Geisteswissenschaftler brauchst Du bei der Jobsuche halt einen längeren Atem als in anderen Fachrichtungen.“

Doch nicht jeder Student findet sich in absolvierten Praktika wieder oder kann es sich überhaupt leisten, längere schlecht- oder unbezahlte Praktika zu machen. Viele Studenten finanzieren das Studium durch Nebenjobs, Pflegen ihre (Groß-)eltern oder müssen den Spagat zwischen Studium und Erziehung der Kinder hinbekommen.  Als Berufseinsteiger haben Sie mit erschwerten Bedingungen bei der Jobsuche zu kämpfen, da es Ihnen an ersten Berufserfahrungen und Orientierung fehlt.

Den Arbeitsmarkt für Sozial- und Geisteswissenschaftler kennen

Gianna Reich unterstützt mit ihrem Blog Geisteswirtschaft Geisteswissenschaftler beim Berufseinstieg. Im Interview empfiehlt sie Berufseinsteigern eine eingehende Analyse des Arbeitsmarktes:

Gianna Reich (r.) bloggt unter Geisteswirtschaft.de

Gianna Reich (r.) bloggt unter Geisteswirtschaft.de

„Was für Jobs sind ausgeschrieben und in welchen Branchen sind diese Jobs? Kann mir vielleicht ein Career-Service helfen, oder die Agentur für Arbeit? Es gibt auch Jobbörsen speziell für Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler, an denen man sich prima orientieren kann. (…) Manchmal stecken passende Stellen hinter Berufsbezeichnungen, mit denen man so erst mal nichts anfangen kann. Für einen Jobsuchenden ist es wichtig, dafür ein Gefühl zu bekommen. Gerade Geisteswissenschaftler arbeiten häufig in Schnittstellenfunktionen, die nicht so einfach zu benennen und daher auch schwer zu finden sind. Das hat man am Anfang der Jobsuche gar nicht so auf dem Schirm“.

Blogs wie „Geisteswissenschaftler im Beruf“ von Silke Hartmann oder „Brotgelehrte“ von Mareike Menne, geben einen guten Überblick über verschiedene Berufe für Geisteswissenschaftler. Auch die Recherche über XING oder Linkedin eignet sich dafür gut.

Netzwerken für den Berufseinstieg im (verdeckten) Arbeitsmarkt

Nach der Recherche über mögliche Berufsfelder werden Geisteswissenschaftler schnell merken, dass für sie andere Regeln gelten, als für viele andere Berufseinsteiger. Als Generalisten sind sie häufig in Berufen tätig, die sich in offenen Stellen- und Jobbörsen eher selten finden lassen. Viele Geisteswissenschaftler finden ihren Job über den verdeckten Arbeitsmarkt,wo Stellen eher über persönliche Kontakte vergeben werden. Wie man sein Netzwerk bei der Jobsuche systematisch einbezieht, beschreibt Lars Hahn im Interview mit dem Wissenschaftsladen Bonn. Die eigenen Kontakte sollten wissen, dass man auf Suche ist und wonach man sucht. Wichtig hierbei ist die Haltung, nicht als Bittsteller ins Gespräch zu gehen, sondern als Gesprächspartner, der Informationen sammelt:

„Es geht nicht darum, den anderen mit den eigenen Bewerbungsunterlagen zuzumüllen, sondern ihn zu fragen: Was tust du eigentlich? Wie bist du an den Job gekommen? Was braucht man dafür? So macht man Marktforschung in eigener Sache.“ So Lars Hahn.

Dominik Timmerbeil (l.) bekam seinen Job nach seiner Weiterbildung

Dominik Timmerbeil (l.) arbeitet heute für den Weiterbildungsanbieter damago

Je nach Schätzung werden 50 – 70 Prozent der Stellen in Deutschland über den verdeckten Arbeitsmarkt vergeben. Die Nutzung von Businessnetzwerken wie XING oder der Besuch von Job- und Fachveranstaltungen ist ebenfalls ein probates Mittel der Jobsuche im verdeckten Arbeitsmarkt:

„Die Bewerbung auf eine Stellenanzeige ist mittlerweile old-school. Wichtiger ist der persönliche Kontakt über Messen oder die direkte Ansprache von Menschen. Das ist zwar nicht jedermanns Sache, aber beim einfachen Schriftverkehr ist man nur ein Name auf einem Stück Papier. Die besten Bewerbungsunterlagen kommen einfach nicht an den persönlichen Auftritt ran.“

Diese Erfahrung machte Dominik Timmerbeil, dem es bei seiner Jobsuche so erging wie vielen anderen Geisteswissenschaftlern. Über herkömmliche Wege wollte es mit dem Berufseinstieg nicht klappen.

 

Weiterbildung als Schlüssel für den Berufseinstieg

Wie auch Sylvia Förster und Patrick Koll, machte Dominik Timmerbeil eine Weiterbildung nach dem Studium. Bei allen drei war die Weiterbildung ein wichtiger Baustein für die Jobsuche. Die Weiterbildung bekamen sie während der Arbeitssuche von der Agentur für Arbeit über den Bildungsgutschein komplett finanziert. Dieser Bildungsgutschein kann ausgegeben werden, wenn bestimmte Qualifikationen fehlen, die auf dem Arbeitsmarkt gefordert werden.

Dominik Timmerbeil profitierte von seinen Weiterbildungen in den Bereichen Projekt- und Qualitätsmanagement. Seinen jetzigen Job bekam er durch seinen Bildungsträger, die LVQ, vermittelt. Patrick Koll und Sylvia Förster machten unter anderem die Weiterbildung zum Social Media Manager und nutzten das Gelernte für ihren neuen Job im Medienbereich.

„In manchen Fall ist so eine Weiterbildung mehr wert als ein Studium. Bei einer Agentur oder Softwarefirma würde jemand mit Qualifikationen in Suchmaschinenoptimierung oder Google Marketing, wenn er pfiffig ist in dem Thema, eher genommen werden als ein Bewerber mit Promotionsabschluss…“, so Gianna Reich.

Über 80 % der Akademiker bekommen nach der Weiterbildung eine Anstellung

Agentur für Arbeit: Über 80 % der Akademiker bekommen nach der Weiterbildung eine Anstellung

Auch die Agentur für Arbeit bewertet Zusatzqualifikationen nach dem Studium positiv und fördert diese bereitwillig. Lars Normann, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg,

berichtet in einen Beitrag der FAZ von sehr guten Erfahrungen bei der anschließenden Vermittlung. So fänden zum Beispiel circa 80 Prozent der Teilnehmer nach der Weiterbildung zum Projektmanager zeitnah eine Stelle. Bei Teilnehmern, die sich zusätzlich in Bereichen wie Online Redaktion, Social Media, Marketing oder BWL weiterbilden, liegt die Quote sogar noch höher – so unsere Erfahrung bei der LVQ.

Dem Thema „Weiterbildung für Geisteswissenschaftler“ werden wir in der folgenden Woche einen eigenen Artikel widmen. Abschließend möchten wir den Artikel mit diesen Worten von Dominik Timmerbeil: „Bleibt dran und lasst Euch nicht unterkriegen. Auch wenn es seine Zeit dauert, es gibt immer eine Tür die sich öffnet. Das Ganze ist es wert!“

Haben Sie Fragen zu Ihrem Berufsstart oder möchten von Ihren Erfahrungen bei der Jobsuche berichten? Dann freuen wir uns auf Ihren Kommentar!

 

Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Hier schreiben Lars Hahn, Martin Salwiczek und Gastautoren.

Die LVQ Weiterbildung gGmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Präsenzunterricht mit Dozenten aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.

Das Angebot der LVQ Business Akademie richtet sich an Berufstätige und umfasst die Vermittlung fachspezifischer Themen aus dem gesetzlich geregelten Bereich. Inhouse-Seminare, Beratung und Schulungen für Unternehmen runden das Angebot der LVQ ab.

Wenn Sie Fragen zu unserem Angebot oder Interesse an einer Beratung haben, rufen Sie uns einfach an!

 

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  1. […] man beim Geisteswissenschaftler und LVQ-Absolventen Tobias Quiram. Tobias erlebte während seines Berufseinstiegs die gängigen Vorurteilen über Geisteswissenschaftler. Sein Studium hinterfragte er jedoch nie. […]

  2. […] Du vom holprigen Weg einer Geisteswissenschaftlerin ins Arbeitsleben und erhältst wertvolle Tipps, wie auch Du diesen Weg am besten beschreitest, um die schwierige Phase des Berufseinstiegs und der Arbeitslosigkeit erfolgreich zu […]

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