Berufsorientierung als Lebensaufgabe – ein Erfahrungsbericht

Berufsorientierung2014 ist das Jahr der Berufsorientierung. Ausgerufen hat es Joachim Diercks vom Recruiting-Spezialisten Cyquest in seinem Recruitainment-Blog. Da wir fast täglich mit Menschen in der Berufsorientierungsphase arbeiten, haben wir uns dazu entschieden, an seiner Blogparade teilzunehmen.

Ich freue mich persönlich besonders, dass ich diese Aufgabe übernehmen kann. Denn mit dem Thema Berufsorientierung habe ich jetzt schon länger aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu tun – als Berufsanfänger, als Personaler und jetzt als Berater in der Erwachsenenbildung. Daher möchte ich Sie in diesem Artikel auf einen persönlichen Rückblick mitnehmen.
Wir schauen dazu erstmal zwei Monate zurück. Es ist der 29.11.2013, Karrieretag des Instituts für Soziologie der Universität Duisburg-Essen. Mehr als 200 Studierende wollen sich über berufliche Chancen nach dem Studium informieren und ich darf dort einen Vortrag über meinen bisherigen Berufsweg halten.


Der Soziologe – Archetyp der Berufsorientierung?

Ich starte den Vortrag mit drei Fragen:

  •  „Wer von Euch hatte als Kind einen Berufswunsch?“
  •  „Wer von Euch hatte während der Schulzeit eine Berufsvorstellung?“
  • „Wer von Euch hat hier und heute eine Vorstellung, was er genau nach dem Studium beruflich machen will?“

Bei der ersten Frage gehen mehr als die Hälfte der Hände in die Höhe. Bei der zweiten Frage deutlich weniger. Was glauben Sie, wie viele Hände bei der dritten Frage hoch gehen?!

Schauen wir jetzt mal ca. sieben Jahre zurück ins Jahr 2006. Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist immer noch berauscht vom Sommermärchen im eigenen Land. Ein Zustand, den ich wahrlich nicht teilen kann. Ich habe gerade mein Grundstudium fertig und mich beschleicht langsam die Panik, wenn ich an die Zeit nach dem Studium denke. Eigentlich hätte ich ja gerne Journalismus oder Psychologie studiert, beides hatte sich doch durch meine Noten erübrigt. Als Soziologe ist die Richtung weniger klar. Und so wie mir geht’s vielen Kommilitonen. Spätestens jetzt können Sie sich ungefähr denken, wie viele Hände bei der letzten gestellten Frage hochgingen. Es waren drei.

Life Work Planning – Netzwerken mit Bauchgefühl

So lese ich mein erstes Buch zum Thema Berufsorientierung von einem gewissen Richard Bolles. Es vermittelt mir eine strukturierte Methode der Berufsfindung (ein Verfahren, das auch unter dem Begriff Life Work Planning bekannt ist) – genau das was ich zu diesem Zeitpunkt brauche. Zunächst spreche ich mit Menschen in meiner Familie, im Freundeskreis und mit Bekannten gezielt über das Thema Berufswahl. Meine Gesprächspartner suche ich gezielt nach unterschiedlichen Berufen aus und grenze so meine Richtung ein, alles mit Unterstützung meines Bauchgefühls.

Relativ schnell finde ich eine Richtung: Das Thema Personal weckt mein Interesse. Und wie es der Zufall will, sucht ein guter Kumpel, der eine Firma in Köln hat, einen Werkstudenten für Human Resources:

„Wir haben jetzt 60 Leute und ich hab nen Personaler eingestellt. Der braucht noch Unterstützung. Hast Du da Lust drauf?“

Natürlich muss ich nicht lange nachdenken: In der Firma eines Freundes, als Werkstudent Personal, in Köln und das Thema ist Computerspiele. Gute Sache, denke ich mir.

Vom Daddeln und vom Recruitainment – spielerische Orientierung

Im November 2006 beginne ich also als Werkstudent bei Turtle Entertainment, der eSport-Company. Zwei Jahre später werde ich dort meine Diplom-Arbeit schreiben. Gegenstand ist die Personalpolitik des Unternehmens, das sich selbst eine Subkultur von zu diesem Zeitpunkt über 1,5 Millionen „E-Sportlern“ geschaffen hat – quasi der eigene Teich, aus dem es fischen kann.

„E-Sportler“ sind nie alleine unterwegs, sie vernetzen sich in „Clans“. Dabei „daddeln“ sie nicht nur. Der eine hat vielleicht Spaß dran, eine Webseite für seinen Clan zu programmieren und wird Fachinformatiker. Der zweite bloggt dann drüber und macht ein Volontariat. Der dritte organisiert gerne, lässt sich zum Veranstaltungskaufmann ausbilden. Ihre Ausrichtung entdecken die Jugendlichen spielerisch, mit Begeisterung für ihr Thema. Ein Glücksfall für beide Seiten – den Azubi und das Unternehmen. Fünf Jahre später, 2011, gibt es dann auch erste Ansätze, Spielelemente unter dem Stichwort „Recruitainment“ als Instrument der Berufsorientierung  zu integrieren.

Soziologen, Ingenieure, 25- und 52-jährige – jeder orientiert sich irgendwann

2008 endet das Studium, während die Finanzkrise so richtig in Fahrt kommt – ein schlechteres Timing gibt es kaum, um sich im Personal zu bewerben. Berufsorientierung wird wieder zu meinem Thema. Zunächst als Bewerber, heute auch beruflich bei der LVQ in der Weiterbildung.

Im LVQ-Bildungszentrum treffen Fachkräfte und Akademiker/innen jeglicher Fachrichtung und jeglichen Alters zusammen. Ob Soziologe, Biologin, Ingenieur oder Betriebswirtin, so unterschiedlich ihre Ausbildungen auch sind, eines haben viele von ihnen gemeinsam: Sie befinden sich in der Phase der beruflichen Neuorientierung und nutzen Weiterbildung als Wegweiser. Dann leisten wir Unterstützungsarbeit, sensibilisieren dazu, nicht nur fachliche Aspekte bei der Berufsorientierung zu berücksichtigen, sondern auch die eigenen Bedürfnisse. Gerade die kommen häufig viel zu kurz. In der Regel machen wir das in vielen Einzelgesprächen, vereinzelt verwenden wir auch Instrumente wie den Talentkompass NRW. Ziel ist immer eine langfristige Perspektive. Auch ein 50-jähriger hat noch ca. 15 Jahre Berufsleben vor sich, die er lieber gerne als widerwillig ausfüllen möchte.

Berufsorientierung als Lebensaufgabe

Wir schauen jetzt noch mal eine Woche zurück: Anfang Januar 2014. Ich brüte erstmals über meinen Inhalten für diesen Beitrag, da erzählt mir eine Arbeitskollegin begeistert vom Konzept der Spielstadt, an dem ihre beiden Töchter teilnehmen – die sind 8 und 10. Die Kinder lernen in den Ferien spielerisch vernetztes Handeln in ihrer eigenen „Stadt“. Es geht los mit der  Anmeldung im „Einwohnermeldeamt“, das den Kindern Bürgerpässe ausstellt. Danach suchen sie sich über das „Jobcenter“ eine Arbeit aus den Bereichen Versorgung, Dienstleistung, Kultur und Freizeit und Produktion. Die Kinder können im Laufe ihrer Spielzeiten in verschiedene Rollen schlüpfen und ausprobieren, was ihnen am meisten Spaß macht. Die Töchter haben so schon ihre ersten Talente entdeckt und Neigungen entwickelt. Da ist sie wieder – die spielerische Orientierung.

Mir wird noch mal bewusst, dass Berufsorientierung eine Lebenslaufgabe ist – und zwar nicht nur für mich. Immer wieder kommt man an den Punkt, an dem man sich entscheiden muss, in welche Richtung man beruflich gehen möchte.

Fazit – meine abschließenden Empfehlungen

Schlagen wir abschließend nochmal die Brücke zur Blogparade von Joachim Diercks. In seinem Beitrag sagt er:

„Lasst uns versuchen, Hilfestellungen zu entwickeln, wie junge Menschen, besser den zu ihnen passenden beruflichen Weg finden.“

Meine Empfehlung:

  • Lasst Kinder und Jugendliche schon früh auf spielerische Weise verschiedene Rollen ausprobieren, in denen sie ihre Talente entdecken können. Diese Talente sollen früh gefördert werden. Konzepte wie die Spielstadt oder ein spielerisches Umfeld wie die eSport-Szene hätte ich mir selber gewünscht. So kann der Angst vor der Berufswelt, wie es in dieser Blogparade ja auch bereits im Mats-Blog thematisiert wurde und dem Praxisschock entgegengewirkt werden. Recruitainment als Ansatz der Berufsorientierung geht da schon in die richtige Richtung, auch wenn hier eine engere Verzahnung von on- und offline wünschenswert wäre.

Ich möchte das ergänzen mit einem Appell für Menschen, die bereits vor der Tür zur Berufswelt stehen oder bereits dort angekommen sind:

  • Für eine Neuorientierung ist es nie zu spät. Lassen Sie sich von Ihrem bisherigen Lebenslauf und Unkenrufen vermeintlicher Experten nicht einschränken. Wir haben bei der LVQ so viele  Beispiele von Menschen, die ihren Neigungen und Interessen mit Leidenschaft bei der Jobsuche gefolgt sind. Die heute in ganz anderen Berufen arbeiten als ursprünglich gelernt – und zufrieden sind.

Abschließend möchten wir unseren Lesern die Frage stellen: „Wie war das bei Ihnen mit der Berufsorientierung? Wie haben Sie für sich entdeckt, welchen beruflichen Weg Sie gehen möchten?“

Dies ist der Karriereblog von LVQ.de. Hier schreiben Martin Salwiczek, Lars Hahn und Gastautoren.

Die LVQ Weiterbildung gGmbH bietet Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte und Akademiker. Unser Vollzeitangebot mit anerkannten Abschlüssen kann zum Beispiel über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit gefördert werden. Besonderes Augenmerk legen wir auf Präsenzunterricht mit Dozenten aus der beruflichen Praxis und der weiterbildungsbegleitenden Unterstützung bei der Jobsuche.

Das Angebot der LVQ Business Akademie richtet sich an Berufstätige und umfasst die Vermittlung fachspezifischer Themen aus dem gesetzlich geregelten Bereich. Inhouse-Seminare, Beratung und Schulungen für Unternehmen runden das Angebot der LVQ ab.

Wenn Sie Fragen zu unserem Angebot oder Interesse an einer Beratung haben, rufen Sie uns einfach an!

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2 Kommentare zu “Berufsorientierung als Lebensaufgabe – ein Erfahrungsbericht
  1. Toller Artikel, spricht mir aus der Seele! Vielen Dank!

4 Pings/Trackbacks für "Berufsorientierung als Lebensaufgabe – ein Erfahrungsbericht"
  1. […] Martin Salwiczek (LVQ. Karriere-Blog): Berufsorientierung als Lebensaufgabe – ein Erfahrungsbericht […]

  2. […] 2014 ist zum Jahr der Berufsorientierung ausgerufen worden. Doch Berufserfahrung ist eine Lebensaufgabe.  […]

  3. […] Jo Diercks zum Jahr der Berufsorientierung auf. Wir beteiligten uns an der Blogparade mit einem Artikel, in dem wir Berufsorientierung zur Lebensaufgabe […]

  4. […] Die Veränderung der Arbeitswelt und die unvorhersehbare Entwicklung vieler Berufsbilder verunsichern nicht nur Berufseinsteiger bei der Jobsuche. Auch erfahrene Berufstätige sind bei häufigen Jobwechseln der Frage ausgesetzt, wohin der nächste berufliche Schritt gehen soll, gerade dann, wenn bestimmte Branchen einem radikalen Wandel unterliegen. Berufsorientierung wird somit zur Lebensaufgabe. […]

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