„Klarheit schaffen und Kante zeigen sind die Schlüssel für den Erfolg im Bewerbungsprozess“ – Interview mit Dr. Bernd Slaghuis Teil 2

Wie findet man den passenden Arbeitgeber? Wie bewirbt man sich richtig? Wie verhält man sich im Vorstellungsgespräch?

Das sind Fragestellungen, mit denen wir uns in Teil 2 unseres Interviews mit Karriere-Coach Dr. Bernd Slaghuis beschäftigen. Vorherige Woche veröffentlichten wir den ersten Teil unseres Interviews mit Bernd, in dem er uns einen Einblick in seine Arbeit als Karriere-Coach gab.

Bernd, einer Deiner Blogbeiträge heißt „Diese Körpersprache-Tipps sind der Wahnsinn“. Du gehst darin kritisch mit den vielfältigen Bewerber-Tipps für das Vorstellungsgespräch um. Wie bereitest Du Deine Kunden auf Vorstellungsgespräche vor?

Bernd Slaghuis: Dazu eine kleine Anekdote: Ein berufserfahrener Mann, Mitte 50, saß mir im Bewerbungs-Coaching gegenüber und fragte mich, ob es richtig sei, dass man beim Bewerbungsgespräch auf dem vorderen Drittel des Stuhls sitzen müsse. Er habe es so in einem Ratgeber gelesen. Ich muss zugeben, ich war etwas sprachlos und wusste in diesem Moment nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.

Die richtige Haltung ist der Schlüssel für den Erfolg im Vorstellungsgespräch

Viele Bewerber lassen sich durch die im Netz kursierenden Tipps verunsichern. Doch im Vorstellungsgespräch geht es aus meiner Sicht nicht darum, den Arbeitgeber dadurch zu überzeugen, dass man weiß, wie der richtige Händedruck geht oder wohin die eigenen Füße im Gespräch zeigen müssen. Das alles sind doch keine Auswahlkriterien, sondern es geht um Sympathie und darum, eine gute Beziehung zum Gegenüber aufzubauen.

Natürlich gibt es einige Kniffe, wie man durch Körpersprache leichter eine Beziehung aufbaut, aber das sollte nicht die erste Priorität in der Vorbereitung für ein Gespräch sein. Viel wichtiger ist doch die Frage: Was ist auch mir als Bewerber wichtig und mit welcher Haltung möchte ich in das Gespräch gehen?

Kannst Du das spezifizieren?

Bernd Slaghuis: Wichtig ist eine für den Bewerber gute Haltung, da gibt es kein Richtig oder Falsch. Ich frage meine Klienten oftmals, mit welchem Gefühl sie gerne in ein Gespräch gehen und mit welchem Gefühl sie rausgehen möchten. Sich vorher dieses Bild im Kopf zu erzeugen und auch zu hinterfragen, hilft später im Gespräch, sich daran zu erinnern. Ich persönlich finde eine neugierige Haltung als Bewerber gut, statt von Mut und Überwindung zu sprechen. Denn letztendlich geht es um ein Kennenlernen von zwei oder mehreren Personen, die gegenseitig gucken, ob sie zusammenpassen oder eben nicht. Das Vorstellungsgespräch sollte auch jeder Bewerber nutzen, um zu prüfen, ob es wirklich passt und er sich vorstellen kann, dort in den nächsten Jahren zu arbeiten. Also Neugierde, was es alles dort zu entdecken gibt, statt Überwindung der Angst, Anforderungen nicht zu genügen. Das lässt viele Bewerber entspannter ins Gespräch gehen.

Man kann nicht authentisch sein, wenn man versucht, dem Arbeitgeber gerecht zu werden

Mal provokativ gefragt: Wenn ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, dann muss ich den Arbeitgeber doch erstmal davon überzeugen, dass der mich nimmt, dass ich ihm gefalle, oder?

Bernd Slaghuis: Gegenfrage: Woher kann ein Bewerber wissen, wie er sich verhalten muss, damit sich dieser Arbeitgeber für ihn entscheidet? Klar geht es im Vorstellungsgespräch darum, sich im positiven Licht zu präsentieren, über seine Erfolge zu sprechen und auch eigene Erwartungshaltungen abzuklopfen. Ich halte es jedoch für falsch, von Beginn an mit der Einstellung ins Gespräch zu gehen, meinem potenziellen Arbeitgeber auf Teufel komm raus gefallen zu müssen. Das führt dazu, dass Bewerber beginnen zu schauspielern und nicht mehr sie selbst, also nicht authentisch, sind. Das kann nicht gutgehen.

Schauen wir mal auf den vorherigen Schritt im Bewerbungsprozess, die Erstellung der Bewerbungsunterlagen. Da macht es doch durchaus Sinn, die Unterlagen – das Anschreiben und gegebenenfalls auch den Lebenslauf – auf die Erfordernisse des Arbeitgebers anzupassen. Wie bekomme ich es als Bewerber hin, mit der richtigen Haltung die Balance zwischen Erwartungen an die Stelle und den eigenen Erwartungen hinzubekommen?

Bernd Slaghuis: Leider ist es heutzutage so, dass kaum noch ein Personaler Lust hat, Anschreiben zu lesen – weil diese meist nichtssagend und langweilig sind und häufig das Gleiche drin steht. Ich bin der Meinung, das Anschreiben darf nicht aussterben.

Ich sehe bei Bewerbern, die Klarheit in ihr Anschreiben bringen und auch eigene Kante zeigen, dass sie sich greifbar machen und viel häufiger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Ein wichtiger und naheliegender Effekt, der sich dann bei vielen Bewerbern zeigt: Das Gespräch läuft entspannter ab, da der Leser schon vorab ein besseres Gefühl dafür hat, wer da kommt: Wie tickt er persönlich? Welche Pläne hat er? Was ist ihm bei der Arbeit wichtig und welche Erwartungshaltung hat er?

Wie man in das Anschreiben Klarheit bringt und Kante zeigt

Das sind Informationen, die nicht nur für den Bewerber wichtig sind, sondern auch für die Entscheidungsfindung des Arbeitgebers. Das beantwortet schon im Vorfeld viele Fragen, die wichtig dafür sind, ob er sich für einen Kandidaten entscheidet oder nicht.

Die hohe Kunst ist es ja, im Anschreiben diese Klarheit und Kante hinzubekommen. Immerhin gibt es ein Sammelsurium an Begriffen – wie zum Beispiel Teamfähigkeit oder Kommunikationsstärke – die immer wieder reproduziert werden. Wie grenze ich mich als Bewerber ab?

Bernd Slaghuis:  Du hast Floskel Nummer 1 schon fast komplett genannt: „Teamfähigkeit und Kommunikationsstärke runden mein Profil ab“. Grade dieses „runden mein Profil ab“ finde ich absurd. Warum sollte ein Bewerber ein rundes Profil haben? Ein rundes Profil ist farblos und nicht greifbar. Das Schlimme daran: Durch die Stellenanzeigen werden Bewerber dazu animiert, es genauso anzubringen. Das wird ihnen auch in vielen Ratgebern empfohlen: „Nehmt Bezug auf die Keywords, die in der Stellenanzeige stehen“.

Dies wird dann auch getan, doch dies ist das genaue Gegenteil von Klarheit und Kante zeigen. Ich stelle daher gerne Fragen wie: Woran zeigt sich konkret, dass du teamfähig bist? Der eine ist dann derjenige, der im Team vorangeht und Dinge vorantreibt – der Teamleader. Ein anderer hat wiederum die Gabe, Teams zusammenzuhalten – der Konfliktlöser oder die gute Seele im Team. Wieder andere sind innovativ und kreativ und bringen neue Ideen ins Team ein. Wenn Bewerber es schaffen, auf dieser Ebene zu beschreiben, was sie auszeichnet, dann machen sie sich für den Leser echt greifbar. Der Arbeitgeber kann sich dann schon im Vorfeld die Frage stellen und beantworten: Brauche ich eher eine gute Seele im Team oder doch einen Innovator?

Erstaunlicherweise fällt es den meisten Bewerbern im Coaching leicht, diese Eigenschaften herunter zu brechen und ihre Rolle klar zu beschreiben. Doch kaum einer traut sich, das auch zu schreiben. Dabei ist es genau diese Klarheit, die jeden Bewerber sich von der Masse abheben lässt.

Der Lebenslauf steht für die Vergangenheit, das Anschreiben für die Zukunft

Du hast es ja gesagt: Leider wird das Anschreiben häufig nicht mehr gelesen, auch wenn ich mir Mühe bei der Erstellung gemacht habe. Dann hilft auch diese Klarheit nicht mehr. Wie kann ich dann mit dem Lebenslauf punkten?

Bernd Slaghuis: Was mir noch wichtig hinsichtlich des Anschreibens ist: Während der Lebenslauf die Vergangenheit des Bewerbers abbildet, sollte das Anschreiben den Fokus auf die Zukunft des Bewerbers legen. Viele Bewerber wiederholen den Lebenslauf im Anschreiben und argumentieren damit für die Stelle. Das ist selbstverständlich für den Leser langweilig, weil ohne Mehrwert. Wer das Anschreiben jedoch nutzt, um über sich, seine Werte und Ziele sowie die Motivation für eine Zusammenarbeit in der Zukunft zu schreiben, der macht es anders. Solche Anschreiben werden dann auch gelesen.

Zum Lebenslauf: Häufig wird empfohlen, dass ein Lebenslauf nur zwei Seiten haben darf. Ich hatte jedoch schon vierseitige Lebensläufe von Berufserfahrenen in der Hand, die ich mit Freude gelesen habe und die mit diesem Lebenslauf auch einen neuen Job gefunden haben. Auch hier ist mir wichtig, dass es kein Richtig und Falsch gibt. Wer einen spannenden Lebenslauf hat, kann auch drei oder vier Seiten nutzen. Wichtig ist es wie im Anschreiben auch, für Klarheit zu sorgen. Der Arbeitgeber sollte schnell und leicht erfassen können, was der Bewerber in der Vergangenheit getan hat: Bei welchen Arbeitgebern hat er in welcher Position mit welchen Haupttätigkeiten gearbeitet? Natürlich ergänzend Punkte wie Ausbildung, Studium und Weiterbildungen.

Gezielte Informationsbeschaffung steht am Beginn des Bewerbungsprozesses

Eine letzte Frage: Wenn Du auf Jobsuche gehen müsstest, mit Deinem Wissen über den Arbeits- und Bewerbungsmarkt, wie würdest Du mit Deiner Jobsuche beginnen?

Bernd Slaghuis:  Zunächst mal würde ich mir gezielt Informationen beschaffen, indem ich mich mit interessanten Menschen in für mich infrage kommenden Berufen treffe und sie direkt befrage: Was machst Du in Deinem Beruf? Was tust Du jeden Tag? Was gefällt Dir an Deinem Beruf und was nicht? Damit beginne ich in meinem eigenen Netzwerk oder nutze Businessnetzwerke. Was spricht dagegen, jemanden bei XING anzuschreiben, der in einem für mich interessanten Job arbeitet? Mehr als ein Nein kann mir nicht passieren. Und ich weiß von vielen Bewerbern, dass sie dieses Nein ganz selten hören.

Gezielt sowie kreativ Informationen zu beschaffen und dort Bewerbungen zu adressieren, wo die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es passt, anstatt nach dem Gießkannen-Prinzip Unterlagen blind in die Welt rauszuschicken – das empfehle ich allen Bewerbern. Dabei ist es egal, ob sie über 50 sind oder als Hochschulabsolvent den Berufseinstieg suchen. Je mehr eigene Klarheit Sie besitzen, umso leichter können Sie auch als Bewerber kommunizieren, was Sie auszeichnet und was Ihnen wichtig ist.

Bernd, herzlichen Dank für das Interview!

Das war der Abschluss unseres zweiteiligen Interviews mit Karriere-Coach Dr. Bernd Slaghuis. Weitere Interviews mit Fachexperten wie Svenja Hofert, Henrik Zaborowski oder Jochen Mai und Tipps zur Bewerbung und Jobsuche gibt es hier in unseren Blog:

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