Arbeitslosigkeit ist kein Makel!

IMG_9348Es gibt sie immer noch, die überraschend arbeitslos gewordenen langjährigen Führungskräfte oder jungen Akademiker mit Einstiegsschwierigkeiten. Hier eine Auswahl von Jobsuchenden, die mir kürzlich in Beratungsgesprächen in der LVQ gegenüber saßen:

  • Wolfgang M., 34 Jahre in einer Firma, davon viele als Betriebsleiter. Und jetzt mit Mitte 50 ohne Job und fehlender Perspektive.
  • Stefanie B., 27 – frisch gebackene Master of Science in Chemie, 56 Bewerbungen in sieben Monaten, drei Vorstellungsgespräche, ohne Erfolg.
  • Martin D., Ingenieur mit zehn Jahren Berufserfahrung in acht verschiedenen Projekten, immer wieder auf der Suche.
  • Sieglinde W., die seit drei Jahren als freiberufliche Kommunikationsberaterin firmiert, obwohl sie eigentlich viel lieber wieder eine feste Stelle im Marketing haben will.

Was alle eint:

  • Sie betrachten ihre Arbeitslosigkeit als Makel, als Stigma. In den großen Topf geworfen mit Langzeitarbeitslosen. „Kurz vor Hartz IV.“
  • Sie finden ihre Jobsuche anstrengend und bisweilen frustrierend. Das schlimmste für sie: Sie sind dabei Einzelkämpfer und haben kaum Vorbilder und Strategien, wie die Jobsuche wirklich funktioniert.
  • Sie zweifeln an ihrer Persönlichkeit: Weshalb klappt die Einstellung nicht? Was mache ich falsch? Wieso bin ich arbeitslos in Zeiten des Fachkräftemangels?

Denn ständig und überall ist die Rede von Arbeitskräftemangel und dem Kampf um die Talente. Noch kürzlich erklärte DIHK-Präsident Schweizer: „Das Thema Fachkräftemangel ist inzwischen das Kernproblem der deutschen Unternehmen, das ist nicht Brexit, das ist nicht Trump, das sind nicht andere Krisen, das sind Fachkräfte.“

Starker Tobak!

Wenn dem so ist, dann wären gut qualifizierte Menschen in Deutschland heute nicht mehr arbeitslos. Oder wenn, dann selber schuld!

Zu blöd, wenn man gerade selbst dazu gehört und so etwas hört. Spätestens dann fühlt sich für viele die eigene Arbeitslosigkeit erst recht an wie ein Makel. Etwas über das man nicht redet und schon gar nicht öffentlich.

Makel Arbeitslosigkeit. Könnte man meinen.

Ist aber nicht so.

Paradoxe Arbeitswelt: Qualifiziert arbeitslos bei Vollbeschäftigung

In Wirklichkeit ist es so:

Arbeitslosigkeit ist kein Makel, sondern Alltagsrealität im 21. Jahrhundert – in einer Arbeitswelt, die geprägt ist von hoher Dynamik.

Denn gelegentliche Jobwechsel alle paar Jahre gehören heute zur beruflichen Biografie. Sporadische Sucharbeitslosigkeit ist heutzutage Normalität. Irgendwann kann es jeden treffen. Fachleute nennen das „friktionelle Arbeitslosigkeit“ – die (meist relativ kurze) Phase, die zwischen zwei Jobs in Zeiten von guter Beschäftigungslage vergeht.

In der modernen Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts ist es auch durchaus nicht ungewöhnlich, dass sich die Jobsuche hinzieht. Arbeitgeber klagen über lange Stellenbesetzungsprozesse, Jobsuchende über die lange Zeit der Arbeitssuche.

Es ist eben kompliziert: Das „Matching“ zwischen den beiden Parteien herzustellen, dauert oft lange – aufgrund der komplexen Stellenanforderungen auf der einen, und den ebenso komplexen Qualifikationsprofilen der Bewerber auf der anderen Seite.

Meine Wahrnehmung ist: Je komplexer und qualifizierter, desto länger dauert es, eine Job zu finden.

Speziell sehr erfahrene Professionals, akademische Absolventen und berufliche Wiedereinsteiger haben es im Bewerbungsprozess oft schwer. Viele Bewerbungen, einige Gespräche, aber noch lange kein Job.

Das Anstrengende daran:

Jobsuche ist manchmal wie Stochern im Nebel. Du weißt nicht, wann Land in Sicht ist.

Ausrichtung, Zielorientierung und immer wieder Geduld

Übrigens war ich vor meinem Einstieg in die LVQ selbst einige – viel zu lange – Monate arbeitslos. Ich bewarb mich ziemlich hektisch auf Stellen, die halbwegs zu mir passten. Denn so viele davon gab es gar nicht. Nach außen hin begann ich meinen Lebenslauf und mein Profil bei OpenBC (dem Vorläufer von Xing) hinsichtlich der Arbeitslosigkeit zu kaschieren. Gespräche hatte ich wenige.

Eines dieser Gespräche nahm ich mir sehr zu Herzen. Mein Gegenüber, der Leiter einer Bildungseinrichtung, entgegnete mir sehr ehrlich am Ende eines Vorstellungsgesprächs, man würde mir anmerken, dass meine Arbeitslosigkeit an mir nagen würde. Man merke, dass ich mich nicht genau positioniert hätte und dass ich gestresst und ungeduldig sei.

Dann gab er mir drei Tipps:

  • „Seien Sie geduldig mit sich selbst während Ihrer Jobsuche. Sie haben nur bedingt Einfluss auf den Erfolg.“
  • „Nutzen Sie die Zeit der Arbeitslosigkeit, herauszufinden, welcher Job wirklich zu Ihnen passt.“
  • „Bewerben Sie sich gezielt auf wirklich passende Stellen. Wenn Sie keine passenden Stellen finden, recherchieren Sie. Sie werden sie finden.“

Nach anfänglicher Verärgerung über die Direktheit meines Gegenübers hat mich dieses keinesfalls einfache Gespräch damals nachhaltig wach gerüttelt. Hatte ich doch vorher mit Schrot geschossen und so manche beliebige Bewerbung auf Stellen versandt, die so lala irgendwie halbwegs passen könnten.

Mit bewusst geübter Geduld und Zielstrebigkeit setzte ich übrigens die Jobsuche fort und beendete zwei Monate später meine Arbeitslosigkeit durch den Einstieg in der LVQ.

 

P.S.: Falls Sie gerade von Arbeitslosigkeit betroffen sind – Sie müssen das nicht alleine bewältigen. Bildungseinrichtungen, Jobcoaches und Karriereberater können Sie unterstützen und Ihnen wertvolle Hilfe geben. Im Rahmen unserer Weiterbildungen unterstützen wir bei der LVQ unsere Teilnehmer intensiv die Zeit der Arbeitslosigkeit zu beenden.

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Veröffentlicht unter Jobsuche
6 Kommentare auf “Arbeitslosigkeit ist kein Makel!
  1. Vielen Dank für diesen wundervollen Beitrag, Herr Hahn! Aus meiner 25-jährigen Praxis als Outplacement- und Karriereberaterin kann ich Ihnen nur zustimmen. Zum Weg aus der Arbeitslosigkeit gehören drei Dinge:

    • Klären und Bewusstmachen des eigenen beruflichen Ziels
    ∙ Schärfen des eigenen Bewerberprofils
    • Finden von passenden Arbeitgebern – mit allen Mitteln und allen denkbaren Methoden.

    Das ist viel und harte Arbeit und gelingt nicht von heute auf morgen. Wie Lars Hahn empfehle ich ebenfalls die Hilfe eines Profis – aber denken Sie nicht, dass Ihr Arbeitsanteil dadurch kleiner wird. Die Last der Bewerbungsarbeit liegt nach wie vor auf Ihren Schultern. Auch werden Sie – wie Lars Hahn in seinem Beispiel – nicht immer erfreut sein über das, was Sie von Ihrem Berater zu hören kriegen. Nehmen Sie es sich dennoch zu Herzen. Denn der Berater kann Ihnen mit seinem Know-how helfen, Ihre Erfolgsaussichten deutlich zu verbessern und die Gesamtdauer des Bewerbungsprozesses abzukürzen.

  2. vielweib sagt:

    Toller Artikel, Lars – danke dafür. Auch wenn ich im Job bin, sind viele um mich herum es gerade nicht. Da spricht jede Zeile aus Deinem Artikel für sich und Mut zu!

    • Lars Hahn sagt:

      Danke Dir, Tanja. Wichtig wäre, wenn diese vielen um Dich herum sich miteinander verbünden. Statt gegeneinander zu konkurrieren, kann man einander unterstützen. So denke ich.

  3. Danke für diesen locker geschriebenen, fachlich sehr gut fundierten Beitrag zum Thema.
    In meiner Beratung zur beruflichen Entwicklung erlebe ich genau solche Fachkräfte, sehr gut qualifiziert, oft mit langjährigen Berufsbiografien, oft jenseits der 50, mit ehemals außergewöhnlich guten Gehältern, die mit unterschiedlichen Methoden „frei gesetzt“ wurden. Für sie ist das immer ein Schlag ins Kontor des Selbstbewusstseins und der Gesundheit. „Einmal so zu enden“, hatten sie nicht auf der Rechnung und die Neuorientierung fällt ihnen schwer.
    Aber auch junge Menschen, mit einigen Jahren Berufserfahrung erleben so eine „Ernüchterung“ und beginnen, nach dem Arbeitsumfeld und -inhalt zu suche, das besser zu ihnen passt.
    Mit Geduld, alles nicht persönlich nehmen und unkonventionellen Bewerbungsstrategien machen sie sich dann langsam vertraut. Gruppen- oder Einzel-Coaching helfen zweifellos dabei, wenngleich auch das kein Garant ist, eine neue Zukunft zu finden. Wir haben eben nicht alles selbst in der Hand – und glückliche Fügungen und Zufälle können wir nicht trainieren.

    • Lars Hahn sagt:

      Vielen Dank Frau Preuß. Dem kann ich nur zustimmen. Gerade Coachings wie die von Ihnen praktizierte Beratung zur beruflichen Entwicklung oder auch die Angebote, die Bildungsanbieter im Kontext der Jobsuche anbeiten, helfen, über den eigenen Horizont und die eigene Betroffenheit hinauszuschauen. Wie toll, wenn man so einen Sparringspartner für die berufliche Reise erhält.

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